https://www.faz.net/-gpf-8yjno

Wahl in Großbritannien : Das jüdische Problem der Labour Party

  • -Aktualisiert am
Der frühere Londoner Bürgermeister Ken Livingstone schockierte mit seiner Behauptung, Hitler sei ein Zionist gewesen

Der linke Antisemitismus beschränkt sich keineswegs auf die Labour Party. Die Liberaldemokraten haben lange eine Baroness Jenny Tonge ertragen müssen, deren Vorwürfe hinsichtlich eines israelischen Organhandels Julius Streicher hätten erröten lassen, und auch einen David Ward, den inzwischen ehemaligen Unterhausabgeordneten, der den Juden immer wieder vorwarf, sie verhielten sich wie Nazis. Auf institutioneller Ebene spielen britische Akademiker eine unverhältnismäßig große Rolle in der weltweiten, gegen Israel gerichteten Boykott-, Kapitalentzugs- und Sanktionsbewegung; die National Union of Students ist eine Brutstätte antiisraelischer Aufwiegelung; und der „Guardian“ bleibt die israelfeindlichste Zeitung in der englischsprachigen Welt, Wirkungsstätte des Karikaturisten Steve Bell, der Benjamin Netanjahu als Puppenspieler karikierte und erst kürzlich Livingstones wahnhafte Gleichsetzung Israels mit Hitler verteidigte. Und keine Darstellung des heutigen linken Antisemitismus in Großbritannien wäre vollständig ohne eine Erwähnung George Galloways, des Ayatollah von Bradford West.

Warum sehen viele den linken Antisemitismus nicht?

All das bildet den unverzichtbaren Kontext für eine neuere Umfrage, die herausgefunden hat, dass 40 Prozent der Briten besorgt sind über den Antisemitismus von rechts, aber nur 36 Prozent über den Antisemitismus von links. Wenn der rechte Antisemitismus vernachlässigbar gering ist, der linke dagegen grassiert, wie lässt sich dann diese Diskrepanz erklären?

Eine Möglichkeit wäre, dass die Briten die oben aufgezählten Tatsachen einfach nicht kennen und auf eine atavistische Vorstellung zurückgreifen, die Antisemitismus automatisch mit der politischen Rechten assoziiert. Das erscheint allerdings kaum glaubwürdig, wenn man bedenkt, wie breit die Medien in den letzten zwei Jahren über die antisemitischen Skandale innerhalb der Labour Party unter Führung von Jeremy Corbyn berichtet haben, während ähnliche Skandale auf der Rechten ausblieben.

Corbyn bezeichnete Hamas und Hizbullah als „Freunde“

Eine zweite Erklärung besagt, dass viele Menschen den obsessiven israelfeindlichen Aktivismus, den Corbyn und Konsorten an den Tag legen, gar nicht für antisemitisch halten, sondern eher für eine exzentrische Form von Antiimperialismus – wobei wahrscheinlich unterstellt wird, dass Israel Teil einer globalen imperialistischen Verschwörung sei oder gegenüber den Palästinensern als eine imperialistische Macht auftrete. Auf diese Weise werden antijüdische Vorurteile mit zweierlei Maß gemessen. Das wird deutlich, wenn man Corbyns Verbindungen und Verhaltensweisen in einen rechtsgerichteten Rahmen versetzt. Hätte der „Guardian“ oder ein anderes modisches Organ der britischen Linken auch nur einen Augenblick gezögert, Corbyn als einen rassistischen, faschistischen Sektierer einzustufen, wenn er dreißig Jahre mit der British National Party und Aktivisten der Northern Irish Loyalists gekungelt hätte?

Weitere Themen

Die Queen liest Johnson

Brexit-Streit : Die Queen liest Johnson

Elisabeth II. trägt an diesem Montag im Unterhaus das Regierungsprogramm des Premierministers Boris Johnson vor. Im Zentrum steht der Brexit-Prozess, der gerade in einer entscheidenden Phase ist.

Topmeldungen

Brexit-Verhandlungen : EU setzt Großbritannien Frist bis Mitternacht

London hat Brüssel in den Brexit-Verhandlungen neue Vorschläge für die irische Grenze gemacht. Doch die seien nicht ausreichend, soll EU-Chefunterhändler Barnier den Außenministern der verbleibenden 27 EU-Staaten gesagt haben.

F.A.Z.-Serie Schneller schlau : Wo leben die Deutschen am längsten?

Wie alt man in Deutschland wird, ist sehr ungleich verteilt. Soziale Daten offenbaren, woran das liegt. Besonders ein Indikator ist entscheidend – und es zeigt sich eine interessante Spaltung unseres Landes.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.