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Wahl in Großbritannien : Auf Messers Schneide

  • -Aktualisiert am

Wahltag in London: Auch Labour-Chef Jeremy Corbyn mit seiner Frau Alvarez geben im Stadtteil Islington ihre Stimmen ab. Rechts daneben steht ein politischer Aktivist für die Rechte von Vätern sowie Gründer der Partei „Give Me Back Elmo“ Bild: dpa

Im Vereinigten Königreich wird ein neues Parlament gewählt. Lange Zeit führten Johnsons Konservative die Umfragen an. Doch nun geht es um jede Stimme.

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          „Historisch“, „entscheidend“, „die wichtigste Wahl seit 20 Jahren“ – wenn es um die Wahl zum britischen Unterhaus an diesem Donnerstag geht, scheuen britische Medien und Politker keine Superlative. Die „Zukunft des Vereinigten Königreichs“ stehe auf dem Spiel, wiederholten die Spitzenkandidaten der Konservativen und der Labour-Partei, Premierminister Boris Johnson und Oppositionsführer Jeremy Corbyn, im Wahlkampf gebetsmühlenartig. Das Ziel dieser Aussagen ist, möglichst viele der eigenen Anhänger für die Wahl zu mobiliseren. Oft war während der vergangenen Wochen davor gewarnt worden, dass viele Briten nicht zur Wahl gehen würden. Die Bürger seien enttäuscht und genervt von den andauernden Brexit-Querelen. Noch dazu findet die Wahl entgegen der britischen Tradition im regnerischen Winter statt – zum ersten Mal seit 1923.

          Am Donnerstagmorgen ist von Wahlmüdigkeit und Politikverdrossenheit jedoch nicht viel zu spüren. Bereits kurz nach Öffnung der Wahllokale um sieben Uhr bilden sich teilweise lange Schlangen. Auch gegen neun Uhr herrscht in den Wahllokalen des Londoner Stadtteils Islington noch reger Betrieb. Viele Wähler machen gemeinsam mit ihren Kindern auf dem Schulweg einen Abstecher beim Wahllokal und geben ihre Stimmen ab. Auch Jack, ein junger Mann, der als Unternehmensberater in der City arbeitet, hat auf dem Weg ins Büro einen Stop in seinem örtlichen Gemeindezentrum eingelegt. Ihn stört es nicht, dass in den vergangenen Jahren im Vereinigten Königreich so oft gewählt wurde: „Ich gehe gerne mehrfach zur Wahl. Außerdem steht dieses Mal besonders viel auf dem Spiel.“ Traditionell ist Islington ein sicherer Labour-Stadtteil. Unter anderem der Parteivorsitzende Jeremy Corbyn hat hier seinen Wahlkreis. Auch Jack hat für Labour gestimmt, glaubt aber nicht, dass es für Corbyn für eine Mehrheit reicht. Zwar habe die Labour-Partei den besseren Wahlkampf gemacht, doch auf dem Land würden die Botschaften von Boris Johnson besser verfangen.

          Seit Monaten hatten Johnsons Konservative in den Umfragen deutlich vorne gelegen. Dem Premierminister war eine klare Mehrheit für seinen Brexit-Kurs prognostiziert worden, der einen vergleichsweise harten Austritt aus der EU mit einem Abkommen beinhaltet. Doch in den letzten Tagen hat sich das Blatt gewendet. Die Sozialdemokraten haben in fast allen Umfragen deutlich aufgeholt, rund zwei Dutzend besonders umkämpfte Wahlkreise werden am Ende vermutlich den Unterschied machen. Noch dazu passierten Johnson in den letzten Wochen erstaunlich viele Fehler im Wahlkampf: Erst weigerte er sich, an einer Fernsehdebatte zum Klimaschutz teilzunehmen, woraufhin ihn der Fernsehsender durch eine schmelzende Eisfigur ersetzte. Kurz darauf wollte er als Milchmann verkleidet auf Stimmenfang gehen, verlor dann aber die Lust an einem Interview mit den mitgereisten Reportern und versteckte sich deswegen im Kühlhaus einer Molkerei. In den sozialen Medien wurde dann auch noch das Foto eines 4-jährigen verbreitet, der dem Anschein nach mit einer Lungenentzündung und einer Infusion im Arm auf dem Fußboden eines Krankenhauses in Leeds liegt. Dieser Skandal könnte den Sozialdemokraten, die mit dem Slogan „Rettet das Nationale Gesundheitssystem“ in den Wahlkampf gezogen sind, auf den letzten Metern zu Gute kommen.

          Auch für Helen, eine junge Ärztin, die an diesem Morgen in Islington ihre Stimme abgegeben hat, haben die Probleme im britischen Gesundheitssystem den Ausschlag gegeben, für die Labour-Partei zu stimmen. Wirklich zufrieden ist sie damit aber nicht: „Ich habe das kleinere Übel gewählt. Weder Johnson noch Corbyn sind wirklich geeignet für das Amt des Premierministers.“ Besonders genervt sei sie von den vollmundigen Wahlversprechen beider Seiten, sagt Helen. In der Tat haben sich Konservative und Sozialdemokraten in diesem Wahlkampf eine Art Wettbieten in Hinblick auf Investitionen in die öffentliche Infrastruktur und das Gesundheitssystem geliefert. „Ich war schockiert, dass insbesondere Boris Johnson im Wahlkampf teilweise dreist gelogen hat“, sagt Helen. Das habe sie an den amerikanischen Präsidenten Donald Trump erinnert.

          Nur wenige hundert Meter vom Wahllokal entfernt liegt die lokale Wahlkampfzentrale der Labour-Partei. Paul Smith, stellvertretender Vorsitzender der örtlichen Labour-Gruppe, hat in den vergangenen Wochen viel Zeit in den Wahlkampf investiert. „Ich glaube, dass es die richtige Entscheidung war, auf das Gesundheitssystem zu setzen und nicht auf den Brexit“, sagt er. Was Smith verschweigt: Die Sozialdemokraten hätten auch gar nicht auf den Brexit setzen können, denn die Partei ist in ihrer Haltung zur EU tief gespalten. Die jüngeren Parteimitglieder wollen in der EU bleiben, die älteren sie gerne verlassen. Also wiederholt auch Smith, was viele Wahlkämpfer aller Parteien in den vergangenen Wochen immer wieder berichtet haben: Die Wähler fragten kaum nach Positionen oder Ideen zum Brexit.

          In der Tat würde das erklären, warum die zwischenzeitlich omnipräsenten Liberalen und Nigel Farages Brexit-Partei laut den letzten Umfragen kaum noch relevant sind. Stattdessen scheint es, als interessierten sich die Wähler mehr für Themen wie Innere Sicherheit, Klimaschutz und Gesundheitspolitik. Auch bei dieser Wahl läuft es deswegen vermutlich wieder auf ein Duell der zwei großen britischen Volksparteien hinaus. Um die entscheidenden Wähler zu mobilisieren, ziehen daher noch am Donnerstag im ganzen Land Freiwillige von Haus zu Haus. Ob es sich für sie gelohnt hat, erfahren sie in der Nacht zu Freitag.

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