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Großbritannien vor der Wahl : Gestrandet in der ärmsten Stadt

Für Ukip – gegen Ausländer

„Früher konnte man hier die Dinge noch regeln: Wenn einer geklaut hat, dann gingen wir zu ihm rüber und haben ihm klargemacht, dass das so nicht läuft. Wenn du das heute bei einem dieser zugezogenen Möchtegern-Gangster versuchst, musst du befürchten, mit dem Messer bedroht zu werden.“ Okay, er sei ja selbst aus der Großstadt hierher ans Meer gezogen, als ihm das Londoner East End zu hart geworden sei. Das räumt Smith ein. Aber das war ja nun mal vor 30 Jahren. Heute ist er einer der Alteingesessenen in Jaywick.

Smith ist einer von vielen Ukip-Wählern im Dorf. „Wegen der ganzen illegalen Einwanderer“, sagt er. Welche Einwanderer, hier in Jaywick sind doch fast alle Briten? Ja schon, sagt Smith. Aber man brauche nur rüber nach Clacton zu gehen und sich dort die Autowäschereien anschauen. Für ein paar Pfund bringen sie dort mit Schwamm und Lappen den Lack wieder zum Glänzen. „Die meisten von denen sind illegale Albaner und nehmen unseren Leuten die Arbeit weg“, sagt Smith. Deshalb ist er für die Ukip, die für sichere Grenzen sorgen wolle.

Regierung will Sozialleistungen kürzen

Er ist auch mit den Kürzungen der Regierung im Sozialetat nicht einverstanden. Vierzig Jahre ist Smith alt, und seit drei Jahren könne er nicht mehr arbeiten. Der Rücken. „Aber davor hatte ich seit meinem fünfzehnten Lebensjahr einen Job und nie irgendwelche Hilfe beim Staat beantragt“, sagt er. „Trotzdem haben die mir erst nach 18 Wochen meine Unterstützung bewilligt.“ Tom, der Mann mit dem Rottweiler, ist auch wieder da und ziemlich aufgekratzt. „Verdammt, das hier ist doch angeblich eines der reichsten Länder der Welt!“, ruft er dazwischen. „Was machen die eigentlich mit den ganzen Steuergeldern?“

Sie nennen es Beirut: 60 Prozent der Bewohner von Jaywick beziehen Sozialleistungen

Großbritanniens staatlicher Schuldenberg hat sich seit 2008 fast verdoppelt. Schuld daran ist die schwere Wirtschaftsrezession nach der Weltfinanzkrise. Trotz harter Sparmaßnahmen und obwohl die Konjunktur mittlerweile wieder brummt, zählt das Haushaltsloch der Briten noch immer zu den größten in ganz Europa.

Sowohl die regierenden Torys als auch die Labour Party haben deshalb angekündigt, im Falle eines Wahlsiegs weiter zu kürzen. Umfragen zufolge halten drei von vier Briten die Sozialleistungen im Land weiterhin für zu großzügig. Finanzminister Osborne will sie deshalb um weitere 12 Milliarden Pfund senken. Wenn die Regierung denn im Amt bleibt.

Das hier ist einzigartig.

Davina Griffiths, die Betreiberin des kleinen Lebensmittelladens auf dem Broadway in Jaywick, kann über manche der Kürzungen nur den Kopf schütteln: „Seit ein paar Monaten schalten die im Lauf der Nacht die Straßenlaternen ab“, erzählt sie. Stockfinster wird es dann in Jaywick. „Mir macht das ja nichts aus. Aber andere Frauen hier finden das ziemlich beängstigend“, sagt Griffiths.

Sloggett fuchtelt wieder mit dem iPhone herum. Die nächste Folge für „Sloggettvision“. Die Ladenbesitzerin wehrt ab: „Kein Video, Danny. Ich seh heute echt nicht gut aus.“ Jaywick sei ziemlich seltsam, sagt sie. „Aber ich liebe diesen Ort. Das hier ist einzigartig. Oder hast du so etwas schon mal erlebt? Die Leute halten zusammen. Wenn hier einer Hilfe braucht, dann kriegt er sie, auch wenn die anderen selbst kaum was haben.“

Die Ladenbesitzerin gehört auch zu denen im Ort, die am Wahltag ihr Kreuz bei Ukip machen wollen. „Die achten drauf, wer hier reinkommt“, sagt sie. „Shine on“, dröhnt Sloggett und wendet sich zum Gehen. Sein üblicher Abschiedsgruß. „Pass auf dich auf, Schätzchen“, antwortet Griffiths.

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