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Großbritannien vor der Wahl : Gestrandet in der ärmsten Stadt

Das letzte Bier vor 15 Jahren

Vor ein paar Monaten hat sich ein Fernsehsender bei ihm gemeldet. Die Leute vom Fernsehen haben seine verwackelten Stehgreif-Videos auf Youtube gesehen und filmen den Blogger und Lokalpatrioten nun für eine Doku-Serie über Jaywick. Danny Sloggett kommt ins Fernsehen. Er klingt hoffnungsfroh. Mal sehen, welche Chancen sich daraus für ihn ergeben. „Das Kernproblem in Jaywick ist ja, dass die Leute nicht an sich glauben“, sagt er. „Diese Schwäche wird weitergegeben von den Eltern an die Kinder. Das breitet sich aus.“

Hier ist nichts los: Die Freunde John Pauljohns und Danny Nethercott wissen sich zu helfen.

Sloggett schlägt einen Ausflug in die Geschichte des Dorfes vor. Es sind nur ein paar hundert Meter, mit seinem silberfarbenen Vauxhall Astra hinüber nach Brooklands, dem desolatesten Teil von Jaywick. Er will dem Besucher die „Mermaid“ zeigen – „Meerjungfrau“, so hieß das Pub, in dem einst seine Tante die Wirtin war. Auch diese Kneipe ist längst geschlossen. Das letzte Bier wurde hier schätzungsweise vor fünfzehn Jahren gezapft, so genau weiß das Sloggett nicht mehr. Alle Fenster und Türen sind verrammelt oder zugemauert, ebenso wie bei den verlassenen Geschäfte links und rechts des Pubs.

Das verdammte Geisterdorf

Offen hat nur noch die Anlaufstelle für die Junkies, ein paar Häuser weiter, wo sich diese saubere Nadeln besorgen können. „Ab Mitte der achtziger Jahre begannen hier die ersten Läden zu schließen“, sagt Sloggett. In England hatte sich herumgesprochen, dass im Sommer das Wetter in Spanien besser ist als in Essex. Es wurden immer weniger, die noch Urlaub in Jaywick machten. Mit sechzehn ging Sloggett nach London, um als Bauarbeiter Geld zu verdienen. „Als ich fünf Jahre später zurück kam, hatte sich der Ort in ein verdammtes Geisterdorf verwandelt.“

Aber das Geisterdorf stirbt nicht. Paradoxerweise wächst es sogar. Die Gemeinde will am Ortsrand neue Wohnblocks bauen. „Tolle Idee“, sagt Sloggett. „Sie bringen noch mehr Leute hierher, die alle auch keinen Job haben und diesen Ort noch beschissener machen, als er eh schon ist.“ In Jaywick und im benachbarten Seebad Clacton-on-Sea ist die „Sozialhilfe-Zuwanderung“ ein Topthema im Wahlkampf.

Billiger und mit bestem Wetter

Viele, die hierherziehen, kommen aus London, denn die prosperierende Hauptstadt wird immer mehr zu einer Insel der Wohlhabenden. Leute mit kleinem Einkommen und Arbeitslose können sich das Leben in der teuren Metropole mit ihren astronomisch hohen Mietpreisen und einer chronischen Wohnungsknappheit kaum noch leisten.

Zwar erhalten rund ein Viertel aller Haushalte in London einen staatlichen Mietzuschuss. Aber die Regierung hat die Zahlungen mittlerweile gedeckelt, während die Wohnungskosten weiter stiegen. In Orten wie Jaywick gibt es dagegen jede Menge billigen Wohnraum. Von der Stütze oder von einer schmalen Rente kann man hier besser leben als im unerschwinglichen London. Außerdem ist das Wetter ganz gut. Nirgendwo in England regnet es so wenig wie in dieser Gegend.

Gegen den Import von Drogendealern: Darran Smith posiert vor seinem Auto.

„Hier sind die falschen Leute hergezogen“, sagt Darran Smith. Er hat sein Häuschen gleich um die Ecke der verwaisten Ladenzeile. Der Mann mit dem Rugby-Shirt und den dicken Tätowierungen auf den Unterarmen ist ebenfalls ein alter Bekannter von Sloggett. „Die Behörden sollen aufhören, die ganzen Drogendealer und das Gesocks aus London her zu importieren“, findet Smith.

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