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Großbritannien vor der Wahl : Gestrandet in der ärmsten Stadt

Aber jetzt zerbröselt im Vereinigten Königreich das politische Koordinatensystem. Nächsten Donnerstag stehen Parlamentswahlen an, und es sind die unberechenbarsten seit Generationen: Allen Prognosen zufolge können weder die bislang regierenden Torys noch Labour mit einer ausreichenden Mehrheit rechnen. Mehr oder weniger exotische Koalitionen oder eine Minderheitsregierung sind wohl unumgänglich.

Alt und radikal

Es ist die Stunde der politischen Rebellen. Oben in Schottland wird ein Erdrutschsieg der Scottish National Party (SNP) erwartet. Die Ukip wiederum wird zwar wegen des Mehrheitswahlrechts wohl nur wenige Abgeordnetensitze erringen, doch kann die Partei Umfragen zufolge mit bis zu 18 Prozent der Stimmen rechnen. Großbritannien, eine der ältesten und stabilsten Demokratien der Welt, ist im Radikalitäts-Modus. Ukip will lieber heute als morgen aus der EU austreten. Die SNP hat vor, das ganze Vereinigte Königreich zu zerschlagen und einen eigenen Schotten-Staat zu gründen.

Sloggettvision: Danny Sloggett will gar nicht aus Jaywick weg.

In Jaywick, der traurigen Ukip-Hochburg am Meer, hat Danny Sloggett an diesem Mittag seine sperrige Werbetafel bis nach Hause geschleppt. Großes Hallo. Seine Nachbarn, die in der kleinen Seitenstraße abhängen, helfen beim Tragen und posieren für ein Foto. Es ist mitten am Tag, aber einen Job haben sie ja alle nicht. Werden sie nächste Woche wählen gehen? Falsches Thema: „Ich baue lieber die Guillotine für den Vorplatz des Parlaments in London“, sagt Danny Nethercott.

Er ist Anfang dreißig. Mit elf Jahren flog er aus der Schule, seit fünf Jahren ist er arbeitslos, vor dreieinhalb Jahren zog er aus London nach Jaywick. „Es ist gut hier. Der Strand beginnt direkt vor deiner Haustür“, sagt er. Schon, aber was macht man hier sonst den ganzen Tag über? Snooker spielen, spazieren gehen, Cannabis rauchen, zählt Nethercott auf. Gelächter. Er habe chronische Rückenprobleme, erklärt er. Ein Joint ab und zu lindere den Schmerz.

„Hier ist nichts los“

Wer in Jaywick einkaufen gehen will, hat nicht viel Auswahl. Die meisten Geschäfte haben schon vor Jahren dichtgemacht. Nur Drogen könne man an jeder Ecke kaufen, sagt Nethercotts Kumpel John: „Speed, Heroin, Kokain, Crack, Ecstasy, MDMA, Ketamin – hier kriegst du alles.“ Schon achtjährige Jungs dealten mit Gras.

Die Zeit für Amusements ist vorbei: Der ehemalige Badeort ist verfallen und heruntergekommen.

John ist zwanzig, hat keinen Schulabschluss und noch nie einen Job gehabt. Er kam vor ein paar Jahren mit seiner Mutter und seinem Stiefvater aus Liverpool nach Jaywick. Einmal hat er versucht, wegzuziehen. Aber er bekam bald Heimweh. „So geht es allen. Du kommst immer wieder nach Jaywick zurück“, sagt er. John vermisste seine Kumpels und den Zusammenhalt in der Nachbarschaft. Nur ist es eben leider meistens ziemlich öde in ihrer Straße.

„Hier ist nichts los, und in gewisser Weise mag ich das an Jaywick“, sagt Danny Sloggett, der Blogger. „Du musst selbst für dein Entertainment-Programm sorgen.“ Er sitzt in der Kommandozentrale von Sloggettvision – seinem Wohnzimmer. Schummerlicht den ganzen Tag über, Kneipenatmosphäre, ein riesiges Aquarium. Schallplatten. Ein Pink-Floyd-Poster: das Albumcover von „Dark Side of the Moon“. Im Fernsehen läuft die Snooker-Weltmeisterschaft. Darüber der Monitor, der zeigt, was seine vier Überwachungskameras vor und hinter dem Haus aufnehmen. „Ich will wissen, was draußen los ist“, sagt Sloggett. Schließlich wohne er hier mit seinen beiden Töchtern. Das Haus hat er selbst gebaut und in den Balken über dem Eingang „all along the watchtower“ geschnitzt.

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