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Kritik an Theresa May : Zu spät und zu wenig

Großbritanniens Premierministerin steht derzeit gehörig unter Druck. Bild: AP

Seit dem Hochhaus-Brand von London gerät die britische Premierministerin Theresa May immer stärker unter Druck – und das ausgerechnet zu Beginn der Brexit-Gespräche.

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          Am Tag vor dem Beginn der Brexit-Verhandlungen durfte Theresa May in der Zeitung lesen, dass sie in ihrer eigenen Fraktion als „Übergangspremierministerin“ verspottet wird. Zwölf Tory-Abgeordnete hätten sich schon bereit erklärt, eine Vertrauensabstimmung in der Fraktion einzufordern, berichtete die „Sunday Times“. Gebraucht werden zwar 48 Unterschriften, aber wenn Mays Fehlerserie anhält, ist das alles andere als ein unerreichbareres Quorum. Immer deutlicher wird, was der frühere Schatzkanzler George Osborne meinte, als er May nach ihrem schwachen Wahlergebnis eine „dead woman walking“ genannt hatte.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Bis Mitte vergangener Woche schien May sich halbwegs stabilisiert zu haben. Die erste Wut, die die Konservativen über den Verlust der absoluten Mehrheit empfunden hatte, war dem Kalkül gewichen, dass ein Sturz der Regierungschefin die Lage der Partei nur weiter verschlechtern würde. Minister und Abgeordnete pressten der Regierungschefin Zugeständnisse ab, darunter einen kollegialeren Führungsstil.

          Nationale Tragödie schwächt May weiter

          Bitteres Symbol war die erzwungene Kündigung ihrer beiden Berater, die May in Downing Street als Vertraute gedient und abgeschirmt hatten. Um niemanden vor den Kopf zu stoßen, rückte May auch von ihrem Plan ab, wichtige Minister auszutauschen. Wo Veränderungen fällig waren, füllte sie die Lücken nach einem ausgleichenden Schlüssel auf: jeweils ein Brexiteer und ein Remainer, also ein Befürworter und ein Gegner des EU-Austritts. Wenn May die Partei nicht mehr führen konnte – konnte die Partei vielleicht May führen?

          Dann stand der Londoner Grenfell Tower in Flammen, und May unterbot selbst die Minimalstandards geschwächter Premierminister. Mit bis zu hundert Toten – bis Sonntag wurden 58 Opfer und „Vermisste“ bestätigt – gehört das Feuer zu den großen nationalen Tragödien, aber May misslangen die einfachsten Gesten des Mitgefühls. Statt sich ein Bild machen und die sechs Meilen nach Nord-Kensington zu fahren, lobte sie zunächst nur die Arbeit der Rettungskräfte und versprach eine Untersuchung.

          Als sie endlich die Ruine in Augenschein nahm, sprach sie mit der Feuerwehr, aber nicht mit den Opfern. Ein weiterer Besuch endete mit unvorteilhaften Bildern: Aufgebrachte Bewohner beschuldigten sie in Sprechchören als „Feigling“ und „Mörder“. Unter Polizeischutz wurde sie durch den Hintereingang einer Kirche in ihr Auto und damit in Sicherheit gebracht. Später stürmten Hunderte das Stadtratsgebäude in Kensington und verlangten Soforthilfe.

          Sadiq Khan, der Londoner Bürgermeister von der Labour Party, erfuhr ähnliche Reaktionen am Brandort, aber der Kontrast wurde von Jeremy Corbyn hergestellt, dem Oppositionsführer im Unterhaus. Er bewegte sich selbstverständlich unter den Opfern, hörte ihnen zu und nahm mehrere in den Arm. Selbst die Queen, normalerweise nicht für Empathie bekannt, fand Worte, die die Stimmung trafen. Angesichts der „Abfolge schrecklicher Tragödien“, schrieb sie in einer ungewöhnlichen Botschaft anlässlich ihres 91. Geburtstags, sei einer „sehr düsteren nationalen Stimmung schwer zu entkommen“. May hingegen wurde am Freitag in einem BBC-Interview vorgeworfen, die „öffentliche Stimmung missdeutet“ zu haben. Sie ging darauf nicht ein und verwies nur auf ihre Maßnahmen, darunter ein Hilfsfonds in Höhe von knapp sechs Millionen Euro.

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