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Sieben Antworten zur Wahl : Naht das Ende des Vereinigten Königreichs?

Triumphaler Wahlsieg: Boris Johnson am Freitagmorgen in London Bild: AFP

Boris Johnsons Konservative triumphieren, Labour und die kleinen Parteien haben wenig zu lachen – bis auf schottische Nationalisten und irische Republikaner. Unser Korrespondent beantwortet die wichtigsten Fragen zur britischen Wahl.

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          Mit einer so großen Mehrheit für die Konservative Partei von Premierminister Boris Johnson hatte kein Umfrageinstitut gerechnet. Die Tories stehen vor einer sehr komfortablen Mehrheit. Nach Auszählung fast aller Wahlkreise haben sie fast 80 Sitze mehr als alle anderen Parteien zusammen. Das ist ein Zugewinn von beinah 50 Sitzen. Die Tories steuern damit auf die größte Parlamentsmehrheit seit Margaret Thatchers Triumph in den späten achtziger Jahren zu. Dagegen hat Labour das schwächste Ergebnis seit den frühen achtziger Jahren eingefahren. Den Tories gelang es, Dutzende Wahlkreise in den einstigen Arbeiterstädten und Labour-Hochburgen in Nordengland und Wales zu erobern. Federn ließen auch die Liberaldemokraten, die den Brexit verhindern wollten. Sehr stark haben hingegen die schottischen Nationalisten der SNP abgeschnitten.

          Was heißt das für den Brexit?

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Für alle, die immer noch glaubten, der EU-Austritt Großbritanniens lasse sich irgendwie verhindern, ist es eine bittere Nacht gewesen. Das Remain-Lager auf der Insel muss sich endgültig von dieser Illusion verabschieden. Dreieinhalb Jahre nach dem Brexit-Votum im Juni 2016 wird das Parlament wohl schon nächste Woche über das Austrittsabkommen abstimmen, das Johnson mit der EU nachverhandelt hatte. Damit ist das Austrittsdatum 31. Januar 2020 so gut wie sicher. Für das Königreich beginnt eine Übergangsfrist bis Ende 2020. Ob Johnson bis dahin jedoch einen umfassenden Freihandelsvertrag mit der EU aushandeln kann, ist ungewiss.

          Warum ist der Wert des Pfunds gestiegen?

          Dem Devisenmarkt gefällt der Wahlsieg Johnsons. In der Wahlnacht legte der Pfundkurs um rund 2 Prozent zu und übersprang erstmals seit Mitte 2016 wieder die Marke von 1,20 Euro. Angesichts der großen Tory-Mehrheit erwarten die Marktteilnehmer, dass Johnson mehr Spielraum bei den Verhandlungen mit der EU haben und tendenziell einen eher „soften“ Brexit vollziehen wird. Denn je weniger Johnson auf die Brexit-Hardliner in seiner Partei Rücksicht nehmen muss, desto eher kann er einen für die Wirtschaft wichtigen Post-Brexit-Freihandelsvertrag mit eher enger Anlehnung an die EU zustimmen.

          Haben die Wähler das Parteiensystem umgekrempelt?

          Nein. Viel war zwar in den vergangenen Monaten über eine revolutionäre Veränderung des Parteiensystems spekuliert worden. Doch am Ende spitzte sich das Rennen doch wieder auf den Zweikampf Johnson gegen Corbyn zu; die kleineren Parteien wurden an den Rand gedrängt. Sie werden im Unterhaus keine große Rolle spielen. Die EU-freundlichen Liberaldemokraten, die noch vor zwei Monaten in manchen Umfragen bei gut zwanzig Prozent standen, kommen wohl bloß auf 11 Sitze, einen weniger als nach der Wahl 2017. Parteichefin Jo Swinson, die sich vor einem Monat schon vollmundig zur nächsten Premierministerin ausgerufen hatte, verliert sogar ihr Mandat im Wahlkreis nördlich von Glasgow. Eine marginale Erscheinung bleiben die britischen Grünen, die abermals nur eine Abgeordnete nach Westminster senden können.

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