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Nach Wahlsieg für Tories : Der nächste Boris

Boris Johnson nach seinem Wahlsieg in London Bild: EPA

Sein Versprechen an die neuen Tory-Wähler ist auch eine Verpflichtung für Boris Johnson. Nach seinem fulminanten Wahlsieg könnte der britische Premierminister deshalb ganz anders daherkommen als gewohnt.

          2 Min.

          War es nun eine Ehrung oder eine kleine Perfidie, dass die Präsentation des Wahlsiegers dessen einst ärgsten Gegner übertragen wurde? Ausgerechnet Sonderminister Michael Gove, der Boris Johnson vor dreieinhalb Jahren die Eignung fürs höchste Regierungsamt abgesprochen hatte, durfte (oder musste) ihn am frühen Freitagmorgen vor den Parteianhängern als „fähigen“ Premierminister anpreisen, der das „Vertrauen“ in die Politik wiederherstellen werde. 

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          In seiner ersten Rede nach dem Wahltriumph sprach Boris Johnson tatsächlich vor allem jene an, denen die „Hand zitterte“, als sie ihr Kreuz gemacht und den Konservativen ihre Stimme „geliehen“ hätten. Johnsons Wahlsieg war ja nur möglich geworden, weil er traditionelle Labour-Wahlkreise in Mittel- und Nordengland erobern konnte – Stimmbezirke in der sogenannten Roten Wand, wo sich im Juni 2016 große Mehrheiten für den Brexit ausgesprochen hatten. Diese Wähler hätten die politische Blockade aufgebrochen, um ihr wichtigstes Ziel zu erreichen, sagte Johnson – und gab dem Publikum das Zeichen, den Satz zu vervollständigen: „Get Brexit done!“, donnerte es durch den Saal. 

          Die Strategie ist aufgegangen

          Johnsons Slogan hat verfangen, die Kampagne-Strategie ist aufgegangen. Erfolgreich hatte sich Johnson als den Kandidaten dargestellt, der das Land aus dem „Morast“ des Brexit-Prozesses ziehen kann. Selbst viele, die für den Verbleib in der EU gewesen waren, sahen das erleichternde Element in dieser Botschaft. Zugleich machte es ihm Labour-Chef Jeremy Corbyn leicht, sich als die seriösere Option für das Amt des Premierministers zu präsentieren. Immer wieder strich Johnson im Wahlkampf heraus, dass der bekennende Sozialist die Wirtschaft ruinieren werde. Selbst in seiner Rede am Freitagmorgen, als Corbyn schon am Boden lag, schoss Johnson noch einmal gegen ihn. Nie wieder müssten die Juden im Vereinigten Königreich „Angst“ haben, sagte er in Anspielung auf den Antisemitismus in der Labour Party, den Corbyn bis zum Schluss nicht in den Griff bekommen hatte. 

          Die Frage, die sich nun viele stellen, lautet: Wer ist Boris Johnson eigentlich? Auf der Schlusskurve hatte er den Briten noch einmal sein ganzes Spektrum vorgeführt. In den letzten Wahlkampfspots erschien Johnson als charmanter Umschmeichler (in einer Parodie des Filmlassikers „Love Actually“), als gemütlicher Küchenchef, der einen selbst gebackenen Auflauf aus dem Ofen holte („servierbereit wie der Brexit“) und, vielleicht seine Lieblingsrolle, als Bulldozer: Hinter dem Steuer eines Baggers durchbrach er mit kindlicher Freude eine Mauer – auf der Mauer stand „Blockade“, auf der Schaufel des Baggers: „Get Brexit done!“

          Einiges spricht dafür, dass Johnson das Land nun als Zentrist führen wird. Seine satte Mehrheit macht ihn unabhängig vom rechten Flügel der Konservativen, der am liebsten zurück zum Thatcherismus will. Schon sein Versprechen an die neuen Tory-Wähler, sie in den kommenden fünf Jahren „nicht im Stich zu lassen“, verpflichtet ihn, den Sozialstaat eher auf- als abzubauen und in die Bildung, in den Gesundheitsdienst und in die Infrastruktur zu investieren. Johnsons Gegner werden im Brexit weiterhin ein radikales und auch rechtes Projekt sehen, aber der Premierminister und seine politische Ausrichtung könnten ganz anders daherkommen: ausgleichend und fast sozialdemokratisch.

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