https://www.faz.net/-gpf-9u5p6

Johnson vs. Corbyn : Der Brexit reißt keinen vom Hocker

  • -Aktualisiert am

Umfragen zufolge ging Boris Johnson (r.) bei dem TV-Duell gegen Jeremy Corbyn als Sieger hervor Bild: EPA

Lebhaft ist anders: Beim letzten TV-Duell zwischen Boris Johnson und Jeremy Corbyn drohen manche Zuschauer einzuschlafen – und die Lager bleiben gespalten. Beobachtungen aus einem Londoner Kino.

          3 Min.

          Die Sofas sind bequem – zu bequem. Denn während Jeremy Corbyn und Boris Johnson einander vorne auf der großen Leinwand beharken, drohen die Zuschauer im Saal vor lauter Gemütlichkeit fast einzuschlafen. Rund 20 Personen sind an diesem Freitagabend in das Sands Filmstudio im Londoner Stadtteil Rotherhithe gekommen, um vor der Parlamentswahl in Großbritannien das letzte TV-Duell zwischen Boris Johnson und Jeremy Corbyn zu verfolgen – und unter Gleichgesinnten zu sein. Viele im Saal stehen hinter Labour; der Gastgeber und Betreiber des Filmstudios ist zugleich Vorsitzender der lokalen Labour Party.

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          Doch von einer lebhaften Debatte ist nicht viel zu spüren – nicht auf der Leinwand und erst recht nicht im Saal. Zwischenrufe gibt es keine, nur ab und an ein zustimmendes Murmeln. Die heftigste Reaktion kommt noch, als die Moderatoren Johnson und Corbyn zu ihrer Einstellung zu Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit befragen. Der Premierminister versucht Vorwürfe, er unterstütze Kandidaten, die sich in der Vergangenheit rassistisch geäußert haben, mit dem Hinweis abzubügeln, solche Parteimitglieder würden sofort aus der Partei geschmissen, zumindest aber genau unter die Lupe genommen. Dann geht er zum Gegenangriff über: Es sei ein Fehler von Corbyn, sich nicht vor die Juden zu stellen, denn gerade bei Labour gebe es Antisemitismus. In diesem Augenblick bricht es im Dunkeln des Kinosaals gepresst aus einem der Zuschauer heraus: „Abstoßender Heuchler!“

          Doch das war es dann auch schon an Gefühlsausbrüchen. Schon vor Ende der Diskussion fangen die ersten an zu gähnen und unterhalten sich mit ihren Partner leise darüber, wann das Duell endlich vorbei sei. Die meisten Zuschauer verlassen das Kino nach dem Ende der Debatte denn auch zügig. Ian Davis bleibt jedoch noch in seinem Sofa versunken sitzen. „Corbyn war gar nicht schlecht“, sagt der 62 Jahre alte Londoner. Sein Urteil: Johnson setze mehr auf seine Fähigkeit, die Menschen zu unterhalten, während Corbyn wesentlich ruhiger, vernünftiger und präsidentieller wirke. Einen eindeutigen Gewinner kann Davis jedoch nicht ausmachen.

          Nicht weniger umstritten als Johnson: der Labour-Vorsitzende Jeremy Corbyn

          Mit dieser Einschätzung liegt Davis auf einer Welle mit den restlichen Briten: In einer YouGov-Umfrage kurz nach der Debatte fanden 52 Prozent der Befragten Johnson stärker, 48 Prozent votierten für Corbyn. Das Institut selbst wies aber darauf hin, dass das Ergebnis innerhalb der Fehlertoleranz liege, also eher von einem Unentschieden auszugehen sei. Das gleiche Ergebnis gab es schon bei der letzten Debatte vor rund zwei Wochen.

          Zufälligerweise entsprechen diese Zahlen aber jenen, die Jeremy Corbyn auch in der Debatte immer wieder nutzt. Er wolle lieber der Premierminister aller Briten sein als lediglich 48 oder 52 Prozent zu repräsentieren, sagt er. Damit greift er das Ergebnis des Brexit-Referendums von 2016 auf, das das Königreich in „Brexiteers“ und „Remainer“ gespalten hat. Corbyn versucht im Wahlkampf immer wieder, andere Themen in den Vordergrund zu stellen. In seinem Eingangsstatement vor dem TV-Duell kommt das Wort „Brexit“ nicht vor. Vielmehr referiert Corbyn, er wolle die allgemeine Lage der Briten verbessern, in das Gesundheitssystem investieren, Bildung fördern und die Steuern für die Reichen erhöhen. Fast alle Probleme, die das Königreich derzeit hat, führt Corbyn – wie schon am Abend zuvor bei einer Wahlveranstaltung in Birmingham – auf die Austeritätspolitik zurück, die konservative Regierungen seit 2010 umgesetzt haben.

          Weitere Themen

          Kein Adelstitel für Bercow?

          Großbritannien : Kein Adelstitel für Bercow?

          Mehr als 250 Jahre lang war es Tradition, dass der scheidende Sprecher des britischen Unterhauses geadelt wird. Bei John Bercow lehnt Premier Boris Johnson das aber offenbar ab – wegen dessen Rolle in den Brexit-Debatten.

          Topmeldungen

          Viel zu erzählen: Bolton, Pompeo und Trump im Oval Office im Februar 2019

          Ukraine-Affäre und Impeachment : Das fehlende Bindeglied

          Trumps Verteidiger fordern im Impeachment-Prozess Beweise. Da gelangen Teile von Boltons Buchmanuskript an die Öffentlichkeit und bringen Trump in Bedrängnis. Das Weiße Haus reagiert umgehend.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.