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Wahlen in Großbritannien : Kehrtwenden und ein Aussetzer

Kann Labour-Chef Jeremy Corbyn den Rückstand auf Theresa May noch aufholen? Bild: Reuters

Wenige Tage vor den Unterhauswahlen ist es dem Labour-Chef Corbyn gelungen, den Rückstand auf Mays Konservative zu verringern. Dann unterläuft ihm ein Fauxpas.

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          Am Morgen nach der großen Fernsehdebatte unterlief Jeremy Corbyn, was er am Abend zuvor hatte verhindern können: ein Aussetzer, ein Augenblick größter Peinlichkeit, der das Zeug hat, Mehrheiten zu verändern. Als der Labour-Chef in einer Radiosendung nach den Kosten seines Kinderbetreuungsprogramms gefragt wurde, das er am Dienstag vorstellen wollte, fiel ihm die Zahl nicht ein: „Es wird, äh, es wird offenkundig eine Menge kosten.“ Ja, aber wie viel?, setzte die Moderatorin nach. „Ich sage es Ihnen gleich“, stotterte er. Die Moderatorin hielt fest, dass er jetzt gerade in seinem iPad nachschaue. Corbyn sagte: „Können wir später darauf zurückkommen?“ Darauf entgegnete die Moderatorin, wenn der Oppositionsführer eines seiner wichtigsten Wahlversprechen nicht beziffern könne, sei dies „nicht sehr inspirierend für die Wähler“. Schließlich demütigte sie ihn noch mit den Zahlen und fragte, ob sie in seinen Ohren „ungefähr korrekt“ klängen. „Es klingt korrekt“, antwortete Corbyn matt.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          War das der Moment, der die ohnehin geringen Chancen der Labour Party zunichte gemacht hat? Oder genügen die neun Tage bis zur Wahl, um den Patzer vergessen zu machen? Könnte er Corbyn am Ende vielleicht sogar nützen? Mit Hohn stürzten sich einige Tories auf den Labour-Chef. Das ist nicht schmeichelhaft, aber politisch muss es nicht schaden. Denn die Zahlen betreffen jenen Bereich, in dem die Wähler der Labour Party grundsätzlich mehr zutrauen als den Tories. Über nichts sprechen Corbyn und seine Leute lieber als über die „soziale Ungerechtigkeit“ im Land und über die Maßnahmen, mit denen sie die „Armut“ bekämpfen wollen. Der Blackout hat das Thema immerhin wieder beleuchtet.

          Noch ist dieser an Überraschungen reiche Wahlkampf nicht entschieden. Das wurde auch in der Fernsehdebatte deutlich, die am Montagabend aus London übertragen wurde. Corbyn, der vor wenigen Wochen als hoffnungsloser Außenseiter gestartet war und von den meisten Kommentatoren als unwählbar dargestellt wurde, schlug sich mehr als wacker. Auch Premierministerin Theresa May machte keinen Fehler, aber zuweilen wirkte sie unsicherer als ihr Herausforderer.

          Lehren aus dem Terroranschlag spielten eine Rolle

          Ihre Berater hatten ihr schon vor Wochen klargemacht, dass sie aus einer direkten Konfrontation keine Vorteile würde ziehen können. So weigerte sich May, neben Corbyn zu stehen und Fragen zu beantworten. Die Fernsehsender Sky News und Channel 4 entschieden sich für eine konsekutive Debatte, in der erst der Herausforderer, dann die Amtsinhaberin – getrennt durch einen Werbeblock – auf die Bühne gebeten wurden. Beide antworteten zunächst auf die Fragen eines säuberlich ausgesuchten Publikums (jeweils ein Drittel Tory-Wähler, Labour-Anhänger und Unentschiedene), bevor sie in ein Interview mit Jeremy Paxman geschickt wurden, der sich in den vergangenen Jahrzehnten den Ruf erworben hat, wie kein Zweiter Politiker zu „grillen“.

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          Zum Zeitpunkt der Fernsehdebatte lag der Selbstmordanschlag von Manchester genau eine Woche zurück. Aber wer erwartet hatte, dass die Diskussion von den Themen Sicherheit, Islam oder Einwanderung dominiert würde, sah sich getäuscht. Die Lehren aus dem Terroranschlag spielten eine Rolle, aber im Mittelpunkt stand die politische „Normalität“. Wenn das Interesse des Publikums Rückschlüsse zulässt, wird die Wahl am 8. Juni über die drei Fragen entschieden werden, die schon vor dem Anschlag die Kampagnen beherrschten: Wer hat die bessere Strategie für die anstehenden Brexit-Verhandlungen? Wer bietet das überzeugendere sozialpolitische Konzept? Und wer ist als Person geeigneter, das Land zu führen?

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