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Schottische Nationalpartei : Wedeln mit dem britischen Hund

Mit ihr wurden die schottischen Nationalisten sexy: SNP-Chefin Nicola Sturgeon auf einer Wahlkampfveranstaltung in Edinburgh. Bild: Getty

Edinburgh-South war Labour-Territorium. Aber auch in diesem Wahlkreis marschiert nun die Schottische Nationalpartei durch. In den kommenden Wahlen wird sie die Machtverhältnisse in Großbritannien kräftig aufmischen.

          In seinem Wahlkampfbüro hat Ian Murray ein Regalbrett montiert, auf dem er die schönsten Tassen der Labour Party sammelt. Sein Prachtstück ist aus den Neunzigern und trägt den Spruch: „Hätten die Torys eine Seele, würden sie sie verkaufen“. Murray mag die Tasse nicht nur, weil er sie lustig findet. Sie erinnert ihn an die gute alte Zeit, als seine Partei noch gegen die Konservativen kämpfte und dabei meistens gewann. Jetzt steht der Gegner links, und die Labour Party verliert fast immer. Man kann es auch hässlicher ausdrücken: Die Schottische Nationalpartei (SNP) droht Murray und seine Parteifreunde an diesem Donnerstag von der schottischen Landkarte zu tilgen und die Machtverhältnisse im Königreich aufzumischen.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Murray hat die SNP hassen gelernt. Wenn er über die neue Konkurrenz redet, verändern sich seine Gesichtszüge, die Mundwinkel fallen nach unten. „Sie versprechen allen einen Topf mit Gold“, sagt er finster. Oder: „Sie reden links, aber sie handeln nicht links.“ Murray klingt empört, manchmal zornig. Aber mehr noch schwingt Ratlosigkeit mit, fast ein Hauch politischer Kapitulation. Auf der Kaffetasse der Konkurrenz würde es heißen: „Hätte die Labour Party eine Moral, wäre sie gebrochen“.

          An 19.000 Türen geklingelt

          Im Westen, anderthalb Autostunden von Murrays Wahlkampfbüro entfernt, kämpft Jim Murphy in „East Renfrewshire“ um sein politisches Überleben. Er ist der Chef der schottischen Labour Party. Nebenan, in „Paisley and Renfrewshire South“, fürchtet Douglas Alexander um den Wiedereinzug ins Parlament. Er soll eigentlich Außenminister werden, wenn die Labour Party die Wahlen gewinnt. Beide Prominentenwahlkreise drohen an die SNP zu fallen, woran gemessen eine Niederlage Ian Murrays verkraftbar erscheint – aus Sicht der Partei. Aus Murrays Sicht täte dies ganz schön weh.

          Normalerweise gibt es auch in der britischen Politik so etwas wie Gerechtigkeit. Wer sich für seinen Wahlkreis einsetzt, hat in der Regel gute Chancen, wiedergewählt zu werden. Ian Murray war sehr fleißig. Er rangiert auf Platz 15 der Abgeordneten, wo es um deren „Responsiveness“ geht, also um die Zugänglichkeit für die Wähler. 12.000 Leuten in seinem Wahlkreis habe er „direkt geholfen“, bilanziert er auf seiner Internetseite. An 19.000 Türen hat er geklingelt. In Wahlkampfveranstaltungen sagt er: „Ich habe mir die Füße für Sie abgelaufen.“ Es hilft nichts. Der SNP-Mann liegt vorne.

          Wenn Murray sein Büro verlässt, passiert er hübsche alte Häuser mit Vorgärten, vor denen Mittelklasseautos parken. Der Süden von Edinburgh ist keine Arbeitergegend. In seiner Sozialstruktur ähnelt der Wahlkreis Schottland als Ganzem, und Schottland ist eine vergleichsweise wohlhabende Nation. Bis in die achtziger Jahre hinein wurde hier konservativ gewählt. Dann zog Margaret Thatcher in die Downing Street ein, befremdete die auf Ausgleich bedachten Schotten und verhalf der Labour Party zu Attraktivität. So wählten die Edinburgher Tony Blair ins Amt. Als der, wie hier manche sagen, ebenfalls „zu marktradikal“ wurde und dann auch noch mit George W. Bush in den Irak-Krieg zog, begann der Aufstieg der Liberaldemokraten.

          SNP könnte drittstärkste Fraktion werden

          All diese Entwicklungen spiegelten sich im Wahlergebnis vom Mai 2010 wider. Murray gewann knapp, sehr knapp. Nur 316 Stimmen trennten ihn vom Zweitplazierten – einem Liberaldemokraten. Die Torys mussten sich mit Platz drei begnügen, erhielten aber immerhin noch 22 Prozent. Abgeschlagen, auf Platz vier, lag die SNP: 7,7 Prozent, mehr war nicht drin für die Nationalisten. Jetzt, nur fünf Jahre später, fliegen ihnen die Herzen zu. Der SNP-Kandidat liegt drei Prozentpunkte vor Murray.

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