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Wahl in Großbritannien : Bye-bye, Thatcher!

Geliebt, gehasst, vergessen? Von Maggie Thatchers marktwirtschaftlichen Rezepten wendet sich Britannien ab. Bild: Getty

Großbritannien wählt – und die Parteien locken mit stärkeren Eingriffen des Staates: Energiepreise sollen gedeckelt werden, Immobiliengenossenschaften ihre Wohnungen unter Marktwert verkaufen. Viele Briten haben den einst von Maggie Thatcher gepredigten Glauben an den Markt verloren.

          4 Min.

          Es sind Sätze wie dieser, die zeigen, dass sich die Zeiten in Großbritannien ändern: „Wir haben einen Plan für jeden Abschnitt Ihres Lebens“, verkündete der britische Premierminister David Cameron vergangene Woche im Wahlkampf. Das war durchaus als Verheißung gemeint, ein Versprechen, dass sich die Regierung um das Wohl von Alt und Jung im Land kümmern werde. Aber in den Ohren britischer Liberaler klingt das Gelöbnis eher wie eine Drohung.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Die Vorstellung, dass David Cameron unser Leben von der Wiege bis ins Grab durchplanen will, ist ziemlich beunruhigend“, sagt der Ökonom Ryan Bourne von der Londoner Denkfabrik Institute of Economic Affairs, die für die freie Marktwirtschaft streitet. Für ihn ist der Wahlkampf-Slogan ein weiterer Beleg dafür, dass sich Camerons Konservative vom liberalen Erbe der legendären früheren Premierministerin und Parteiikone Margaret Thatcher verabschiedet haben: „Thatcher wäre so ein Satz ganz bestimmt nicht über die Lippen gekommen“, da ist sich Bourne sicher.

          Unterhauswahlen Großbritannien 2015Ergebnisse im Detail

          Ergebnisse 2015 Ergebnisse 2010

          • Labour
          • SNP
          • Lib Dem
          • DUP
          • Green
          • Sonstige
          • UKIP
          • Conservative
          326 Sitze zur Mehrheit
          Gewinne/Verluste beziehen sich auf die Ergebnisse der Unterhauswahl 2010.

          England 533 von 650 Sitzen

          33%
          7%
          6%
          0,5%
          15%
          39%
          24.–26.04.2015, Quelle: ICM/The Guardian

          Schottland 59 von 650 Sitzen

          25%
          49%
          5%
          3%
          17%
          16.–20.04.2015, Quelle: YouGov/The Times

          Wales 40 von 650 Sitzen

          40%
          6%
          PC 12%
          4%
          < 0,5%
          13%
          26%
          13.–15.04.2015, Quelle: YouGov/ITV Wales, Cardiff University

          Nordirland 18 von 650 Sitzen

          DUP 26%
          SF 24%
          SDLP 15%
          UUP 12%
          Alliance 6%
          Sonstige 17%
          11.–24.09.2014, Quelle: LucidTalk/Belfast Telegraph

          Ergebnisse der Wahlkreise 2015
           
          Ergebnisse der Wahlkreise 2010
           

          Quelle: Press Association
          Ergebnisse im Detail

          An diesem Donnerstag wählen die Briten ein neues Parlament, und noch immer ist offen, ob der Konservative Cameron oder sein Herausforderer Ed Miliband, der Chef der sozialdemokratischen Labour Party, das Rennen machen wird. Doch eines hat der Wahlkampf klar gezeigt: In Großbritannien, dem Land, das bisher wie kein anderes in Europa auf die Kraft des Liberalismus und der Marktwirtschaft vertraute, feiert der Staat ein furioses Comeback. In den vergangenen Wochen überschütteten beide großen Volksparteien die Wähler geradezu mit Versprechungen von Preisbeschränkungen, Subventionen und anderen politischen Eingriffen in die Wirtschaft.

          Preise für Bahnkarten einfrieren, Energiepreise und Mieten deckeln

          So will Cameron unter anderem die Preise für Bahnfahrkarten fünf Jahre lang einfrieren und private Immobiliengenossenschaften gesetzlich dazu zwingen, bis zu 1,3 Millionen Wohnungen unter Marktwert an die Mieter zu verkaufen. Sein Gegenspieler Ed Miliband von der Labour Party geht noch weiter: „Red Ed“ verspricht den Bürgern unter anderem, die Energiepreise und Mieten zu deckeln. Am Arbeitsmarkt verspricht Miliband einen höheren Mindestlohn und ein weitgehendes Verbot von Tagelöhnerjobs mit sogenannten Null-Stunden-Arbeitsverträgen. Im Bankensektor erwägt er die Begrenzung von Marktanteilen.

          Knapper Ausgang erwartet : Großbritannien wählt Parlament

          Sogar über den britischen Profifußball macht sich der Labour-Chef Gedanken und will vorschreiben, dass Fans im Verwaltungsrat der Clubs vertreten sein müssen. Falls Miliband neuer Regierungschef werden sollte, würde in Großbritannien „die Uhr der marktwirtschaftlichen Reformen um 35 Jahre zurückgedreht“, lästerte am Wochenende der britische Historiker Niall Ferguson in der „Sunday Times“.

          Wer die Bedeutung dieser wirtschaftspolitischen Zeitenwende abschätzen will, der sollte sich mit Bill McQuaker unterhalten. Der Fondsmanager ist Chef der Aktienanlage beim britischen Vermögensverwalter Henderson und seit Jahrzehnten im Geschäft. Während seiner gesamten Karriere seien für ihn als Investor politische Wahlen in Großbritannien „irrelevant“ gewesen, behauptet McQuaker. Denn es habe - vor allem seit Maggie Thatchers später Zeit - immer einen parteiübergreifenden promarktwirtschaftlichen Konsens gegeben. „Aber diese Wahl ist sehr wohl relevant“, sagt er. Politiker aller Parteien seien jetzt sehr viel stärker bereit, in die Märkte einzugreifen.

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