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Flüchtlinge in Großbritannien : Lieber kein Mitgefühl

Gemessen an seiner Größe gehen in Großbritannien nur wenige Asylanträge ein. Im vergangenen Jahr waren es nach Auskunft des Nationalen Statistikbüros 24.914 – in Deutschland beantragten im gleichen Zeitraum mehr als 200.000 Menschen Asyl. Laut Statistikbüro stammten die meisten Bewerber aus Eritrea (3239), gefolgt von Pakistan (2711), Syrien (2081) und Iran (2011). Im Jahr 2013 wurden 37 Prozent der Asylbewerber anerkannt; die meisten aus Afghanistan. Zur Zeit leben 150.000 anerkannte Flüchtlinge im Königreich, was einem Bevölkerungsanteil von knapp einem viertel Prozent entspricht.

Dass nur wenige Flüchtlinge aus dem syrischen Kriegsgebiet aufgenommen werden, fällt besonders auf. Fast vier Millionen Syrer befinden sich auf der Flucht. Europa hat sich zur Aufnahme von 36.300 Flüchtlingen bereiterklärt. Während Deutschland 30.000 Menschen aufnimmt, akzeptierte Großbritannien im vergangenen Jahr nur 143. Die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ bezeichnete den britischen Anteil unlängst als „peinlich“.

Cameron wird vom Thema Einwanderung verfolgt. Mitten in den Vorwahlkampf hinein meldete das Statistikbüro, dass im letzten Berechnungsjahr 624.000 Menschen nach Großbritannien gekommen sind. 326.000 Personen verließen das Königreich im gleichen Zeitraum, so dass die sogenannte Nettozuwanderung bei 298.000 liegt. Es ist fünf Jahre her, dass Cameron versprochen hatte, ebendiese Rate auf unter 100.000 zu senken. Erreicht hat er das Gegenteil: Sie stieg – fast um die Hälfte.

Die Abschreckung wirkte nicht lange

Farage gelang es, die Aufmerksamkeit zunächst auf die EU-Ausländer zu lenken, die mit 251.000 nur die zweitgrößte Gruppe ausmachen – nach den 292.000 Nicht-EU-Einwanderern und vor den 82.000 Briten, die jedes Jahr nach Großbritannien (zurück)kommen. Die Zahl der EU-Einwanderer, insbesondere Rumänen, Bulgaren und Südeuropäer, ist überdurchschnittlich gestiegen, aber Farage hat noch etwas anderes im Kopf. Mit seiner Kritik an der Einwanderung aus EU-Staaten schlug er die Brücke zum Gründungsthema der Ukip: die Feindschaft zu Brüssel. Nur ein Ausstieg aus der EU, so sein Argument, ermögliche es den Briten, den Zustrom aus der europäischen Nachbarschaft durch die Einführung eines „australien-artigen Punktesystems“ zu kanalisieren.

Über die Debatte um die „EU-Freizügigkeit“, die mittlerweile auch von der Regierung und der Labour-Opposition kritisch geführt wird, ist die Einwanderung aus den sogenannten Drittstaaten aus dem Blick geraten. Zu Beginn seiner Amtszeit hatte Cameron eine Reihe von Maßnahmen in Kraft gesetzt, um den Zuzug aus nicht-EU-Ländern zu begrenzen. Seine Regierung verschärfte die Bedingungen für Studenten-Visa, um dem verbreiteten Missbrauch zu begegnen. Sie setzte Obergrenzen für Arbeitssuchende fest und erhöhte die Hürden für den Familiennachzug (neues Mindesteinkommen der Ansässigen und bessere Sprachkenntnisse der Nachziehenden). Vorübergehend wirkte die Abschreckung, aber zuletzt stieg die Zahl der Nicht-EU-Einwanderer im Vergleich zum Vorjahr überproportional um 49.000.

Nicht einmal jeder Vierte der jährlich beinahe 300.000 Drittstaateneinwanderer ist kulturell mit Großbritannien vertraut, lebte also vorher im „Old Commonwealth“ (Kanada, Australien, Neuseeland, Südafrika) oder in Amerika. Die meisten Nicht-EU-Einwanderer kommen nach wie vor aus dem „Sub-Indischen Kontinent“, wie es in den offiziellen Statistiken heißt, vor allem aus Indien und Pakistan. Am stärksten wächst der Zustrom aus Afrika und aus dem Nahen Osten. Obwohl sich diese (überwiegend muslimischen) Einwanderungsgruppen oft schwer mit der Integration tun, dürfen sie auf mehr guten Willen bauen als die EU-Einwanderer. Dies hat mit dem schlechten Gewissen einer früheren Kolonialmacht zu tun und mit politischer Korrektheit gegenüber religiösen und ethnischen Minderheiten. Nutznießer sind allerdings nur die, die im Land sind – nicht die, die hinein wollen.

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