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Corbyn-Auftritt in Birmingham : Eine Rede unter Freunden

  • -Aktualisiert am

Heimspiel für Corbyn: Seine Partei stellt derzeit neun von zehn Abgeordneten in Birmingham. Bild: dpa

Der Labour-Vorsitzende Jeremy Corbyn ruft bei einem Auftritt in Birmingham seine Anhängerschaft zu hohem Einsatz auf. Doch nicht alle sind von seinem Sieg überzeugt.

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          „Oh, Jeremy Corbyn“ dröhnte es am Donnerstagabend zur Melodie des Liedes „Seven Nation Army“ der Band The White Stripes durch die Custard Factory in Birmingham. Seit gut einer Stunde hatten die rund 800 anwesenden Besucher gewartet und nun wollten sie endlich den Mann sehen, für den sie gekommen waren: den Vorsitzenden der Labour Party. Corbyn genoss den Moment, in dem er die Bühne betrat, sichtlich, bevor er zum Politischen überging.

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          In der folgenden halben Stunde stellte Corbyn das Labour-Wahlprogramm vor. Sein Startthema: die Bildungspolitik. Tagsüber war er in verschiedenen Schulen in den Midlands unterwegs gewesen, um sich über die derzeitigen Zustände im englischen Bildungssystem zu informieren. Diese sind für ihn vor allem eines: schrecklich. Schuld daran sei die Austeritätspolitik, die konservative Regierungen seit dem Jahr 2010 verfolgten, so Corbyn. Wenn diese beendet werde, dann gehe es auch dem Land besser.

          Bei den Zuschauern kam er damit gut an. Seine Politikvorstellungen wurden mit Applaus bedacht. Die Erwähnung einer konservativen Premierministerin in den Achtzigern reichte, um Buhrufe hervorzurufen, und über die kleinen Witzchen, die er immer wieder in seine Rede einstreute, lachte das dankbare Publikum, das sich zu weiten Teilen aus deutlich erkennbaren Labour-Anhängern zusammensetzte. Viele trugen Anstecker mit dem Logo der Partei an der Kleidung, wedelten mit den bereitgestellten roten Fähnchen und schwenkten die ausgeteilten Plakate.

          Ein Auftritt wie von einem Rockstar: Jeremy Corbyn in Birmingham

          Dennoch hatte man das Publikum für alle Fälle zuvor angeheizt. Corbyns Schattenbildungsministerin Angela Rayner war in die Rolle der nicht ganz neutralen Moderatorin geschlüpft und hatte die Gäste vorgestellt: Darunter Künstler, die auf der Bühne darlegten, warum sie zu Labour stehen, und Gewerkschafter, die klar machten, dass sie zwar keine Wahlempfehlung abgeben wollten, aber das Labour-Wahlprogramm wesentlich besser fänden, als jenes der Konservativen.

          Bislang hält die Labour-Partei Birmingham

          Unter einer Labour-Regierung mit einem Premierminister Jeremy Corbyn werde vieles besser, diese Botschaft war den ganzen Abend immer wieder zu hören. Dann werde endlich die Austeritätspolitik beendet und wieder in Bildung investiert, zeigten sich die Redner sicher. Die Kürzungen der vergangenen Jahre werde die Regierung rückgängig machen und darüber hinaus ein nationales Bildungssystem schaffen, das allen zur Verfügung steht – und zwar „von der Wiege bis zur Bahre“.

          Einrichtungen für Kinder von zwei bis vier Jahren sollten kostenfrei werden, versprach Corbyn, und der Unterschied zwischen staatlichen und privaten Schulen werde eingeebnet. Doch den größten Beifall erhielt Moderatorin Rayner als sie ankündigte, Studiengebühren komplett abzuschaffen. Und ihren Worten nach soll das alles schon in sieben Tagen geschehen, denn dann werde Labour die Wahl gewinnen.

          Dass das nicht ganz so sicher ist, zeigen jedoch aktuelle Umfragen. Und auch unter den Zuschauern zweifeln viele, so wie Margaret Healey-Pollett. Viele Arbeiter in Birmingham und Umgebung hätten zwar für den Brexit gestimmt, doch das sei eine Protestabstimmung gewesen, sagt die 63 Jahre alte Managerin eines Cafés. Sie hofft, dass die Protestwähler erkennen, dass eine Stimme für die Konservativen eine Stimme gegen die eigenen Interessen sei.

          Zwar gibt sie sich überzeugt, dass Jeremy Corbyn die beste Hoffnung für einen Wandel weg von der Austeritätspolitik sei. Am liebsten würde sie jedoch die Ko-Vorsitzende der englischen Grünen, Sian Berry, den Platz des Premierministers einnehmen sehen. Denn Corbyn habe nicht genügend Charisma, lässt sie durchblicken.

          An Birmingham lag es aber nicht, dass Labour nicht schon bei den vorherigen Wahlen an die Macht kam. Die Partei stellt neun der zehn Abgeordneten aus der Stadt in den westlichen Midlands. Die Konservativen und auch die Brexit Party hoffen jedoch, gerade in solchen Regionen Sitze erobern zu können, die zwar bislang von Labour gehalten wurden, aber beim Brexit-Referendum für den Austritt aus der EU gestimmt haben.

          In der Stadt Birmingham war das Ergebnis 2016 denkbar knapp, die „Leave“-Mehrheit betrug 50,4 Prozent, aber in der Umgebung der Stadt fiel sie dafür umso deutlicher aus. Die Regionen, die arg vom Niedergang der industriellen Produktion in Englands zweitgrößter Stadt gebeutelt wurden, weil diese nicht mehr wie vorher auf die Kohle aus dem „black country“ angewiesen war, votierten teilweise mit mehr als zwei Dritteln der Stimmen für den Austritt der EU.

          Gerade in diese Kerbe versuchen die beiden brexitfreundlichen Parteien nun ihre Keile zu treiben. Der Auftritt von Jeremy Corbyn in der zum hippen Veranstaltungsort umfunktionierten früheren Fabrik diente mithin auch der Mobilisierung der eigenen Anhängerschaft zur Wahlkampfhilfe. Nicht nur müssten alle Anwesenden am kommenden Donnerstag selbst für Labour stimmen, sondern auch andere Menschen von der Wahl der Partei überzeugen, rief er sie auf.

          Und nachdem der Labour-Vorsitzende unter den Klängen von Bob Marleys „Get up stand up“ den Saal verlassen hatte, strebten viele Zuschauer so schnell auf den Ausgang zu, dass der Eindruck entstand, sie wollten das noch in dieser Nacht in die Tat umsetzen.

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