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Wahl in Großbritannien : Das Dilemma der Remainer

Tony Blair am vergangenen Freitag in London Bild: AFP

Bei der Parlamentswahl könnten die Konservativen davon profitieren, dass sich ihre Gegner gegenseitig die Stimmen wegnehmen. Gegner des Brexits werben deshalb für taktisches Wählen.

          3 Min.

          Die Gegner des Brexits stecken bei der Parlamentswahl in Großbritannien in einer Zwickmühle: Wen sollen sie wählen, um den Ausstieg aus der EU doch noch abzuwenden? Das Problem ist, dass in vielen Wahlkreisen mindestens zwei Kandidaten versprechen, den Brexit zu verhindern. Doch wenn Labour und Liberaldemokraten sich die Stimmen teilen, wären die Konservativen die Nutznießer – und die wollen spätestens im Januar der EU „good bye“ sagen.

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          Der frühere Labour-Premierminister Tony Blair bat die Menschen kurz vor der Wahl deshalb darum, taktisch zu wählen. Sie sollten in jedem Wahlkreis prüfen, welcher Kandidat den konservativen Mitbewerber besiegen könne. „Ich bitte euch von ganzem Herzen und mit all meinem Verstand – wählt weise.“ Was er nicht aussprach, aber meinte: Die Wahl muss nicht unbedingt auf den Labour-Kandidaten fallen. Blair sagte bei einer Veranstaltung in London, dem jetzigen Regierungschef Boris Johnson müsse eine Mehrheit verwehrt werden. Nur dann bestehe wenigstens die Chance auf ein zweites Referendum.

          Vielen Liberaldemokraten ist Labour unter Jeremy Corbyn allerdings zu links. Überzeugte Labour-Anhänger wiederum können mit den Liberalen nichts anfangen. Die links-liberale Zeitung  „The Observer“ brachte es in einem Kommentar auf den Punkt: „Wir verabscheuen Corbyns Fehler in der Antisemitismus-Debatte; wir erinnern uns daran, dass die Liberaldemokraten für die schreckliche Politik der Koalitionsregierung mitverantwortlich waren.“ Aber die Leser müssten verhindern, dass Boris Johnson dem Land einen existentiellen Schaden zufügen könne. Der Satz, den Remainer für dieses taktische Wahlverhalten am meisten benutzen: „Haltet euch die Nase zu, wenn ihr wählt“.

          Entscheidungshilfen, wer in welchem Wahlkreis die besten Aussichten hat, den Konservativen den Sitz zu verwehren, gibt es zuhauf. Auf www.votesmart2019.com beispielsweise müssen die Wähler ihren Wahlkreis angeben, um zu erfahren, welchem Kandidaten sie ihre Stimme geben sollten, um einen Brexit-Gegner zu unterstützen. Einer Schätzung der Organisation Best for Britain zufolge müssten 40.700 Wähler in 36 Wahlkreisen taktisch wählen, um eine konservative Mehrheit zu verhindern. Im nordenglischen Dewsbury beispielsweise reichte es, wenn 82 Liberaldemokraten oder Grüne den Labour-Kandidaten unterstützten, um dem konservativen Kandidaten den Sieg zu verwehren, heißt es in der Untersuchung. In West Bromwich West in Zentralengland müssten 183 Anti-Brexit-Wähler zu Labour wechseln, um den Sitz zu halten.

          In Großbritannien gilt das Mehrheitswahlrecht. In jedem Wahlkreis gewinnt somit derjenige Kandidat mit den meisten Stimmen. Der Rest der Stimmen verfällt. Gerade deshalb kommt es auf den einzelnen Kandidaten an. So wie Chuka Umunna. Er hat es für die Liberaldemokraten im Wahlkreis Cities of London und Westminster in den Umfragen auf den zweiten Platz geschafft und hofft, den Konservativen diesen Sitz abzunehmen.

          Seine Kampagne wirbt aus diesem Grund um „gemäßigte Konservative und gemäßigte Labour Wähler“, sagt Edward, der sich in der heißen Wahlkampfphase mit zwölf Freiwilligen zum Haustürwahlkampf getroffen hat; auf Anweisung der Partei darf er eigentlich nicht mit Journalisten reden und nennt deshalb seinen Nachnamen nicht. Den Brexit-Gegnern unter den Konservativen müsse man sagen, dass Umunna helfen werde, den Austritt aus der EU zu verhindern. Labour-Wählern wiederum, denen Corbyn zu links ist, sollten die Wahlkämpfer die Liberalen als Alternative schmackhaft machen, erzählt der 23 Jahre alte Edward.

          Chuka Umunna im November in London

          Opfer einer taktischen Wahlentscheidung wiederum könnte der Konservative Greg Hands werden, der im Londoner Wahlkreis Chelsea und Fulham zur Wiederwahl antritt. Er versuchte bei einer Podiumsdiskussion kurz vor der Wahl, die Menschen von sich zu überzeugen. Die Menschen im Saal war ihm jedoch nicht gewogen. Hands, der zwar für einen Verbleib in der EU gestimmt hat, tritt nun für einen geregelten Brexit mit enger Bindung an die Europäische Union ein. Kein anderes Thema wurde an diesem Tag so emotional diskutiert.

          Die Kandidaten von Labour und Liberaldemokraten beanspruchen derweil beide für sich, nur sie könnten Hands besiegen. Labour-Kandidat Matt Uberoi verwies auf das Wahlergebnis von 2017. Damals ist seine Partei mit deutlichem Vorsprung vor den Liberaldemokraten auf dem zweiten Platz gelandet. Die Liberaldemokratin Nicola Horlick wollte sich lieber an den aktuellen Umfragen orientieren, die sie vor Uberoi zeigen. Greg Hands wies den Gedanken jedoch zurück, dass er Nutznießer sein könnte, wenn sich die beiden Remain-Kandidaten gegenseitig die Stimmen wegnähmen. „Meine Sorge sind vielmehr konservative Wähler, die für die Liberaldemokraten stimmen“, sagte er.

          Greg Hands im September in Berlin

          Auch drei ehemalige Tories hoffen auf die Stimmen taktischer Wähler. David Gauke, Dominic Grieve und Anne Milton treten in ihren früheren Wahlkreisen als Unabhängige an, nachdem sie im Brexit-Streit mit der Parteiführung aus der Partei ausgeschlossen wurden. Sie haben zumindest einen bekannten Anhänger: Der frühere Konservative Premierminister John Major verwendet sich für sie. Die Wähler sollten sie unterstützen, sagte Major kurz vor der Wahl. Denn „nicht sie haben die Partei verlassen, sondern die Partei hat sie verlassen“. Gauke und Grieve haben denn auch die Wahlempfehlung des „Guardian“ bekommen. Milton müsste allerdings hinter den Liberaldemokraten zurückstehen, soll in ihrem Wahlkreis ein Remainer gewählt werden.

          Die früheren Tories sind als zentristische Politiker bekannt, die das Königreich auch nach einem Austritt aus der Staatengemeinschaft eng mit der EU verbinden wollen. EU-freundliche Wähler müssten sich die Nase denn wohl auch nicht ganz so fest zuhalten, wollten sie die ehemaligen Konservativen wählen. Selbst wenn sie wenig Hoffnung haben, Boris Johnson tatsächlich die Mehrheit zu verwehren.

          David Gauke am vergangenen Freitag in London

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