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Anschlag in London : Die Hilflosigkeit im Kampf gegen den Terror

Kein Schutz vor überraschend zuschlagenden Terroristen: Schwer bewaffnete Polizisten nahe der London Bridge nach dem Anschlag in der Nacht zu Sonntag. Bild: AFP

Es war wieder ein böses Erwachen der Briten kurz vor der Wahl. Drei islamistische Terroranschläge in drei Monaten - davon zwei in der hochgesicherten Hauptstadt London. Darauf reagiert Premierministerin May mit einem harten Kurs - und selbstkritischen Tönen.

          Die Polizei bezeichnete den Terroranschlag am Sonntagmorgen in London als ein Ereignis, von dem man gehofft habe, es nicht wieder zu erleben. Die selben Worte waren schon am 23. Mai zu hören gewesen, vor nicht einmal zwei Wochen. Da hatte ein Selbstmordattentäter 22 zumeist sehr junge Besucher eines Popkonzerts in Manchester getötet - und die letzte Erinnerung an den Anschlag vor dem Westminister Palast Ende März (mit sechs Toten) aufgewühlt. Das Vereinigte Königreich beklagt nunmehr drei Terroranschläge in nur drei Monaten. Wenn man hinzurechnet, dass die Polizei nach eigenen Angaben im selben Zeitraum fünf Anschlagsversuche vereiteln konnte, wird das Ausmaß der Bedrohung noch klarer.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Ob die Sicherheitsbehörden, wie im Fall des Manchester-Bombers Salman Abedi Hinweise überhört oder falsch verwertet hat, wird man sehen. Bislang ist nicht einmal die Identität der drei Terroristen geklärt. Beschreibungen von Augenzeugen deuten aber darauf hin, dass sich die Terroristen in das Bild der letzten Anschläge einfügen. Als die Täter nach ihrer Todesfahrt auf der London Bridge im nahegelegenen Borough Market von Bar zu Bar zogen, um wahllos Gäste niederzustechen, wurde der Ruf „Dies ist für Allah!” gehört. Sicherheitsfachleute machten am Sonntag auch darauf aufmerksam, dass die Terrormiliz „Islamischer Staat“ in den vergangenen Tagen zu genau dieser Art von Anschlägen aufgerufen hat. Das „Böse“ des westlichen Lebensstils und der Demokratie seien das erklärte Ziel.

          Gerade erst hatte die Regierung die Terrorwarnstufe von „kritisch” auf „ernst” gesenkt und die Soldaten von der Straße gerufen, die die Polizei in den Tagen nach dem Manchester-Anschlag unterstützt hatten. Die Entscheidung, die zweifellos auf der Grundlage aller vorhandener Informationen getroffen wurde, dokumentiert, wie hilflos die Sicherheitsbehörden sind. 23.000 potentielle Dschihadis stehen auf ihren Listen. 3000 von ihnen gelten als hochgefährlich und werden mehr oder weniger scharf beobachtet, aber die Täter der vergangenen Terroranschläge befanden sich allesamt unter den 20.000 lediglich als „SOI`s” (Subjects of Interest) eingestuften Personen.

          Politische Reaktionen wie nach Manchester

          Die Reaktion der Polizei war nach allem, was man bisher weiß, professionell. Um 22.08 Uhr wurde sie darüber verständigt, dass ein Fahrzeug auf der London Bridge in eine Menschenmenge gefahren ist. Acht Minuten später, erklärte Polizeichefin Cressida Dick, hätten ihre Beamten „dieses schreckliche Ereignis zu einem Ende gebracht”. Alle drei Täter wurden erschossen. Zuvor hatten die Terroristen mit ihrem Auto und ihren Messern sieben Menschen getötet und 48 zum Teil lebensgefährlich verletzt. Dabei muss es zu dramatischen Szenen gekommen sein, in denen Bürger „außergewöhnlichen Mut”, so Polizeichefin Dick, bewiesen haben. Laut Augenzeugen versuchten Pubgäste gegen die Täter vorzugehen, die mit Sprenggürtel-Attrappen ausstaffiert waren. Viele hätten „ihre eigene Sicherheit riskiert, um anderen zu helfen”, sagte Dick.

          1) Lieferwagen überfährt Passanten auf der London Bridge 2) Lieferwagen hält 3) Angreifer erstechen Menschen auf dem Borough Market 4) Angreifer werden von der Polizei beschossen und getötet

          Die ersten Reaktionen erinnerten an den Tag nach dem Manchester-Anschlag. Politiker aller Parteien sowie Regierungschefs in vielen Ländern äußerten sich entsetzt und riefen die britische Gesellschaft dazu auf, sich von den Terroristen „nicht spalten” zu lassen. Wieder wurde der Wahlkampf ausgesetzt. Forderungen nach einer Verschiebung der Wahl, die für den kommenden Donnerstag angesetzt ist, wurden allerdings von mehreren Politikern zurückgewiesen. Gerade weil dies ein Angriff auf den demokratischen Prozess gewesen sein könnte, müsse dieser planmäßig fortgesetzt werden, sagte Brexit-Minister David Davis am Sonntag. May bestätigte dies wenig später.

          May schlägt neuen Ton an

          Aber in ihrer Rede vor Downing Street 10 schlug die Premierministerin auch einen neuen Ton an: „Es ist Zeit zu sagen: Genug ist genug”. Sie zog eine direkte Linie von den Anschlägen zu gesellschaftlichen Fehlentwicklungen im Königreich. May betonte in einem vier Punkte umfassenden Plan, dass alle Anschläge von „der einen bösen Ideologie des islamistischen Extremismus” zusammengebunden seien und forderte, dieser Ideologie stärker entgegenzutreten. „Es gibt, um es offen zu sagen, viel zu viel Toleranz für den Extremismus in unserem Land”, sagte sie und fuhr fort: „Wir müssen viel robuster sein beim Identifizieren und Ausmerzen (dieser Ideologie) in unserer Öffentlichkeit und quer durch die Gesellschaft.” Das Leben dürfe nicht mehr in „segregierten Gemeinschaften” stattfinden sagte sie in Anspielung auf die zahlreichen islamischen Parallelgesellschaften im Königreich und kündigte „schwierige und unangenehme Gespräche” an.

          Zugleich will May die Antiterror-Gesetze verschärfen und den „sicheren Räumen” im Internet den Kampf ansagen. Die Zeit, in der die Terroranschläge als Einzelphänomene ohne Zusammenhang zu den Fehlentwicklungen in der multireligösen Gesellschaft behandelt wurden, scheint vorbei zu sein, zumindest für die Premierministerin. „Die Dinge müssen sich ändern”, sagte sie, bevor sie die schwarze Tür zur Downing Street, No 10, wieder hinter sich zuzog. 

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