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Präsidentschaftswahl 2017 : Das Frankreich, das wir verdienen

  • -Aktualisiert am

Emmanuel Macron steht für einen Neuanfang, und dennoch besitzt er die Strahlkraft der alten Ikonen der französischen Geschichte. Bild: Reuters

Die Revolution namens Macron birgt Gefahren, aber auch Chancen der Erneuerung. Der junge Politiker steht für einen Wandel im Land. Was macht ihn aus? Ein Kommentar.

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          Der Titel der Autobiographie Emmanuel Macrons ist Programm: „Révolution“. Der junge, nicht einmal vierzig Jahre alte Politiker hat das Land nicht getäuscht. Eine neue französische „Revolution“ hat am Wahltag begonnen, an deren Ende eine grundlegende Umwälzung des seit 1958 gewachsenen politischen Systems stehen könnte.

          Die beiden Volksparteien, die wie in Deutschland CDU/CSU und SPD die politische Landschaft strukturieren, werden erstmals im zweiten Wahlgang am 7. Mai nicht repräsentiert sein. Besonders für „Les Républicains“, die sich auf den Republikbegründer Charles de Gaulle berufen, kommt das einem Erdbeben gleich. Bislang hatte sich immer ein Kandidat der bürgerlichen Rechten für den zweiten Wahlgang qualifizieren können. Nur die Hoffnung auf eine Revanche bei der Parlamentswahl im Juni hält die Partei noch zusammen. Noch schlimmer sieht es nur bei den Sozialisten aus. Die Partei ähnelt nach fünf Jahren Regierungszeit und dem Totalversagen ihres Kandidaten einem Trümmerfeld. Sogar die Trümmerfrauen fehlen, um einen Wiederaufbau zu beginnen.

          Suche nach einem idealisierten Spiegelbild

          Die Franzosen haben zwei Kandidaten in die Stichwahl geschickt, die auf nationaler Ebene noch nie die Macht ausgeübt haben. Macron hat nie ein Wahlamt innegehabt. Le Pen besitzt keinerlei Regierungserfahrung. Diese Revolution birgt Gefahren, aber vor allem Chancen der Erneuerung in einem von einer wirtschaftlichen und moralischen Dauerkrise zermürbten Land.

          Macron hat das Charisma, das Selbstbild Frankreichs zu verändern. Er knüpft an eine alte französische Tradition an, jungen Talenten zu vertrauen. Louis-Napoléon Bonaparte war gerade 40 Jahre alt, als er 1848 zum Präsidenten gewählt wurde. Sein großer Onkel, Napoléon Bonaparte, war sogar erst 30 Jahre alt, als er 1799 in Paris nach der Macht griff.

          In ihrem „republikanischen Monarchen“ im Elysée-Palast suchen die Franzosen immer auch ein idealisiertes Spiegelbild. Gerade deshalb grenzt es an „ein Wunder“, wie es der Zentrist François Bayrou formulierte, dass ein so europäischer, weltoffener, reformbereiter und optimistischer Kandidat die meisten Stimmen auf sich vereinigen konnte. Noch hat Macron den zweiten Wahlgang am 7. Mai nicht gewonnen, aber die Pessimisten sollten sich trotzdem vorsehen. Die französischen Umfrageinstitute, deren Analysefähigkeiten allenthalben angezweifelt worden waren, haben gerade ihr Können bewiesen. Es wäre deshalb vermessen, ausgerechnet jetzt an ihrer Kompetenz zu zweifeln.

          Keine „europäische Neuorientierung“, sondern ein Aufbruch

          Keiner der neun anderen Präsidentschaftskandidaten hat sich für Marine Le Pen ausgesprochen. Macron hingegen hat sofort die Unterstützung des Republikaners Fillon und des Sozialisten Hamon erhalten. Schon bei den Regionalwahlen im Dezember 2015 hat sich gezeigt, dass die Front gegen den Front National solider ist, als es oftmals den Anschein hat.

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          Das bedeutet nicht, dass das Gewicht der 7,6 Millionen Le-Pen-Wähler unterschätzt werden sollte. Das Ergebnis des ersten Wahlgangs bestätigt die Spaltung des Landes. Zwischen den Macron-Wählern in den urbanen Zentren und den Le-Pen-Anhängern in den mittleren und kleinen Städten der französischen Peripherie liegen Welten. Die Bruchlinien, die Frankreich nach Jahren der europäischen Öffnung und Globalisierung durchziehen, werden nicht innerhalb einer Amtszeit verschwinden. Die neue Wahlgeographie stimmt verblüffend mit der Wahlkarte des Maastricht-Referendums im Jahr 1992 überein.

          Die ureigene Dynamik der Präsidentenwahlen seit 1962 kommt nicht den Rechtspopulisten zugute. Sie haben das Ziel verfehlt, den Spitzenplatz zu erringen. Auch der linke Volkstribun Jean-Luc Mélenchon hat es nicht vermocht, sich für den zweiten Wahlgang zu qualifizieren. Damit bleibt Frankreich das Albtraumszenario einer Entscheidung zwischen einer Rechtspopulistin und einem Linkspopulisten erspart.

          Zum Ende des Zweiten Weltkrieges hat Joseph Rovan einen legendären Essay über „Das Deutschland, das wir verdienen“ („L’Allemagne de nos mérites“) geschrieben. Er zeichnete darin vor, dass es beim Entstehen eines demokratischen, friedlichen und kooperativen Deutschlands innerhalb eines geeinten Europas vor allem auf Frankreich ankomme. Der Appell Rovans hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Er sollte fortan als umgekehrtes Vermächtnis gelesen werden.

          „Das Frankreich, das wir verdienen“, braucht tatkräftige deutsche Unterstützung. Anders als vor fünf Jahren François Hollande wirbt Macron nicht mit der Aussicht auf eine deutsch-französische Machtprobe. Er verheißt keine „europäische Neuorientierung“, sondern einen Aufbruch. Doch dieser kann nur gelingen, wenn er in Berlin genügend Unterstützer findet. Macron verspricht, ein anspruchsvoller, oftmals auch unbequemer Partner zu werden. Er hat bereits begonnen, an der langfristigen Tragfähigkeit des deutschen Exportmodells zu zweifeln und Berlin mehr Konvergenzbemühungen abzuverlangen. Die Alternative zu Macrons Änderungswünschen lautet nach dem ersten Wahlgang eindeutiger denn je Marine Le Pen.

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          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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