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Kandidaten im Wahlkampf : Die Kluft zwischen Presse und Politik

Wer wird in der Stichwahl von den vier aussichtsreichsten Kandidaten das Rennen machen? Bild: Reuters, AFP; Bearbeitung F.A.Z.

Frankreichs Kandidaten schüren das Misstrauen gegenüber den etablierten Medien, um sich als Gegner des vermeintlichen Mainstreams zu profilieren.

          Es war ein Tabubruch zur besten Sendezeit. Wenn nicht wenige Minuten später ein fanatisierter Islamist einen Polizisten auf den Champs-Elysées erschossen hätte, wäre über Nicolas Dupont-Aignans Enthüllungen noch viel diskutiert worden. So aber zappte die verstörte Nation knapp an der Erkenntnis vorbei, dass längst auch in Frankreich ein Kulturkampf zwischen Politik und Presse entfesselt ist.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Unter den elf Präsidentschaftskandidaten zählt der 56 Jahre alte Dupont-Aignan zu den großen von den kleinen Kandidaten, das nervt den früheren Gaullisten ungemein. Mit seinem nationalkonservativen, EU-feindlichen Kurs kann er laut Umfragen an diesem Sonntag einen Stimmenanteil bis zu drei Prozent erreichen, zu wenig, um sich für die Fernsehrunden der „Big Five“ oder gar für den Elysée-Palast zu qualifizieren, aber genug, um den angeschlagenen rechtsbürgerlichen Kandidaten François Fillon am Einzug in die entscheidende Stichwahl am 7. Mai zu hindern.

          Dupont-Aignan glaubt, dass er deswegen von der konservativen Tageszeitung „Le Figaro“ boykottiert wird. Die private Zeitung ist nicht den strikten Gleichheitsregeln des staatlichen französischen Rundfunk- und Fernsehrates CSA unterworfen. Die Redaktionsleitung entscheidet eigenmächtig, welchen Kandidaten sie würdigt und welchen nicht.

          Verhältnis zwischen Presse und Politik war nie spannungsfrei

          Dupont-Aignan taucht nicht oft in dem Blatt des französischen Bürgertums auf. In der Wahlkampfsendung am Donnerstagabend las er aus Wut darüber einen vertraulichen Austausch mit dem Zeitungsbesitzer vor, den er zwar namentlich nicht nannte, der aber unschwer als der Rüstungsunternehmer und Senator Serge Dassault zu identifizieren war. „Der Boykott meiner Zeitung ist nur die Folge deiner Haltung gegenüber Fillon. Nur in seiner Regierungsmannschaft wird etwas aus dir und nicht, wenn du in deiner Ecke bleibst. Iss lieber Suppe als trockenes Brot.“ – „Ich bin schockiert, dass du den Boykott verteidigst.“ – „Das wird nicht mehr vorkommen, wenn du aufhörst, Fillon zu bekämpfen.“ – „Das ist Zensur.“ – „Wenn du deine Meinung änderst, gibt es keine Zensur mehr, das verspreche ich dir.“ All das las Dupont-Aignan von seinem Mobiltelefon vor. Die France-2-Moderatorin Lea Salamé reagierte irritiert: „Was soll unser Interesse an diesem Austausch heute Abend sein?“ Dupont-Aignan erwiderte: „Ich habe genug von dieser Operettendemokratie.“ Nächste Frage, Ende der Debatte.

          Das Verhältnis zwischen Presse und Politik, zwischen Meinungsmachern und Mächtigen, war unter der „republikanischen Monarchie“ in Frankreich nie spannungsfrei. Aber die alten Herrschaftsmethoden funktionieren nicht mehr, darauf deuten nicht nur Dupont-Aignans Ausführungen hin, die bislang unwidersprochen stehen (und unüberprüfbar bleiben). Das Misstrauen der Bürger gegenüber den Medien ist in diesem Wahlkampf so groß wie nie zuvor. „Belügen uns die Medien?“ Die Frage des Starmoderators von BFM-TV, Jean-Jacques Bourdin, bejahten 91 Prozent der annähernd 8000 Befragten im Dezember. Bourdin war schockiert und sagte, damit habe er nicht gerechnet.

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