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Wahlnacht in Paris : „Gemeinsam, Frankreich!“

  • -Aktualisiert am

Anhänger von Emmanuel Macron feiern ihren Sieg vor dem Louvre in Paris. Bild: dpa

In Paris macht sich nach dem Wahlsieg Emmanuel Macrons vor allem Erleichterung breit. Doch erste Proteste zeigen bereits, dass den neuen Präsidenten auch in seiner Hochburg einiges an Arbeit erwartet.

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          Wenn es ein Gefühl gibt, mit dem sich der Wahlabend in Paris zusammenfassen lässt, dann ist es Erleichterung. Der Kandidat der Mitte, Emmanuel Macron mit seiner selbst gegründeten Bewegung „En Marche!“ gewinnt die Präsidentenwahl — und die französische Hauptstadt atmet auf. Eine Rechtsextreme  wollte hier fast keiner im Élysée-Palast sehen. Doch bis zuletzt wurde in Gesprächen und in den Medien spekuliert, dass es die Kandidatin des Front National vielleicht doch irgendwie schaffen könnte, einen Überraschungssieg à la Donald Trump in Amerika einzufahren. Diese Unsicherheit ist nun passé, und wen es am Wahlabend trotz undankbaren Wetters auf die Straßen der französischen Hauptstadt trieb, der konnte förmlich sehen, wie die Angst vor dem Front National den Parisern entwich — zumindest vorerst.

          Bereits vor der Bekanntgabe der Ergebnisse hatten sich im Schatten des Louvre tausende Anhänger Macrons versammelt, sowohl Hauptstädter als auch für den Wahltag angereiste Franzosen oder gar Touristen, alle mit Frankreich- und Europaflaggen im Gepäck. Vielen stand die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Doch als um 20 Uhr die ersten Hochrechnung auf den aufgestellten Großbildschirme erscheint und Macron als Sieger so gut wie feststeht, wandelt sich die bange Menge in ein freudentaumelndes, blau-weiß-rotes Farbengewitter.

          Hoffnung auf „soziales Europa“

          Einer der Glücklichen ist Antoine Depaix. Er hat seine Frankreichfahne zuhause gelassen und stattdessen eine Europaflagge um den Hals gebunden. Depaix ist überzeugter Macron-Unterstützer, der sich nach dem Wahlausgang für Europa freut und nun auf ein „soziales Europa“ für alle hofft, ein Europa der engeren Kooperation. Der 27 Jahre alte Anwalt, ursprünglich aus Grenoble, wiederholt Macrons Wahlslogans, wenn er von Frankreichs nächstem Präsidenten schwärmt, und betont, dass sein Wunschkandidat auch die Front National-Wähler nicht vergessen werde. „Frankreich kränkelt, vor allem in den ländlichen Regionen“, sagt er, aber Macron werde das Land heilen.

          Die „Heilkraft“ Macrons — der Glaube daran, dass der 39 Jahre alte ehemalige Sozialist Frankreich zurück auf die Spur bringt — haben die Menschen, die ihrem neuen Präsidenten am Abend vor dem Louvre entgegenfiebern, verinnerlicht. Auch Youssef und Dalila Benali, die speziell zur Wahl von Lyon nach Paris gereist sind, hoffen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung unter Macron, der dem Front National den Wind aus den Segeln nehmen soll. Ein offenes Europa und die Zusammenarbeit mit Deutschland sollen das möglich machen, sagt der 53 Jahre alte Youssef Benali, seine Frau nickt. Sie habe Angst gehabt, dass es dafür schon zu spät sein könne und Le Pen die Wahl gewinnt, sagt Dalia Benali. Nun schöpfe sie neue Hoffnung.

          Knapp 90 Prozent der Wähler haben in der französischen Hauptstadt am Sonntag für Emmanuel Macron gestimmt, eine überwältigende Mehrheit, deutlicher mehr noch als im landesweite Durchschnitt, wo Macron rund 65 Prozent der Stimmen erhielt. Beim ersten Durchgang der französischen Präsidentschaftswahl vor zwei Wochen hatten sich die Pariser noch deutlich unentschiedener gezeigt, gespalten zwischen links und rechts, doch am Sonntag steht die berühmte „republikanische Front“ gegen den Rechtsextremismus wieder fest und unerschütterlich. So, wie man es an der Seine gewohnt ist.

          Macrons Aufruf „Ensemble, la France!“ aber, auf deutsch „Gemeinsam, Frankreich!“, hat nicht die Wirkung entfaltet, die der 39 Jahre alte unabhängige Kandidat mit ihm erreichen wollte. Zwar hat sich Paris gemeinsam gegen Le Pen gestellt. Aber in der Wahlnacht zeigen sich in Paris weiter die tiefen  Risse der französischen Gesellschaft, die auch ein Wahlsieg Macrons nicht so schnell heilen wird.

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