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Präsidentschaftswahl : Frankreich steht vor der Entscheidung

  • Aktualisiert am

Le Pen oder Macron? Aufnahme vom letzten TV-Duell der Kontrahenten Bild: AP

Marine Le Pen oder Emmanuel Macron? Auch wenn Macron alle Umfragen auf seiner Seite hat, ist das Bedrohungsszenario einer rechtsextremen Präsidentin nicht abgeräumt. Worum es am Sonntag bei der Präsidentschaftswahl geht und wie die Chancen stehen – ein Überblick.

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          Frankreich wählt einen neuen Präsidenten – oder eine Präsidentin. Die Umfragen geben zwar eine klare Tendenz vor, trotzdem warnen Demoskopen vor einer Überinterpretation. Das Szenario, vor dem sich Europa fürchtet: eine Präsidentin Marine Le Pen. Wer steht zur Wahl, wie ist die Ausgangslage und wer hat welche Chancen? FAZ.NET bietet Ihnen einen Überblick und Hinweise auf Analysen, Kommentare und Reportagen der letzten Wochen. Verfolgen Sie den Wahlabend auf FAZ.NET mit Analysen, Reportagen unserer Korrespondenten - und ab dem Nachmittag auch im Liveblog.

          Emmanuel Macron

          Emmanuel Macron steht vor seinem größten Triumph: Mit nur 39 Jahren könnte der sozialliberale frühere Wirtschaftsminister jüngster Präsident der französischen Geschichte werden. Als unabhängiger Kandidat ohne jeden Parteiapparat hat er es in die Stichwahl gegen Marine Le Pen geschafft. Er gilt als Favorit, auch wenn seine Umfragewerte zuletzt gesunken sind. Aus dem Fernsehduell ging er laut einer Umfrage als Sieger hervor. Kritiker lasten Macron aber seine geringe politische Erfahrung an. Auf Widerspruch stößt in Teilen der Bevölkerung auch sein Programm. Wählern aus dem linken Lager gilt es als „neoliberal“, vor allem wegen der geplanten Lockerung der 35-Stunden-Woche und der Reform des Arbeitsrechts. Konservative Wähler fordern dagegen entschiedenere Reformen und ein härteres Vorgehen gegen Islamisten.

          Wer ist Emmanuel Macron – und was ist seine politische Agenda? Lesen Sie hier ein umfassendes Porträt.

          Emmanuel Macron fasziniert und begeistert die Franzosen. Wie macht er das? Und was taugen seine Vorschläge? Eine Reportage zum Nachlesen.

          Marine Le Pen

          Für Marine Le Pen ist der Einzug in die Stichwahl ihr größter politischer Erfolg, auch wenn sie Macron unterliegen sollte. Sie hat in der ersten Runde 7,6 Millionen Wähler hinter sich vereint. So viele hatte ihre Partei Front National (FN) noch nie. Ihr harter Kurs in der Sicherheits- und Einwanderungspolitik überzeugt offenbar viele Bürger. Le Pen verspricht ihrem von Anschlägen gebeutelten Land die Ausweisung aller „Gefährder“ und die Einstellung Tausender Sicherheitskräfte. Zudem will sie die legale wie illegale Einwanderung stoppen. Und sie will Franzosen bei der Vergabe von Arbeitsplätzen oder bei Sozialleistungen bevorzugen.  Überzeugte Europäer fürchten Le Pen dagegen als „Madame Frexit“: Die Rechtspopulistin will ein Referendum zum Austritt des EU-Gründerstaats abhalten. Zudem will sie den Franc wieder einführen, obwohl sich in Umfragen eine deutliche Mehrheit dagegen ausspricht. Macron warf ihr im Duell vor, dies wäre „tödlich“ für die französische Wirtschaft.

          Im TV-Duell, das vergangene Woche Mittwoch stattfand, lieferten sich Macron und Le Pen eine heftige Auseinandersetzung. Falschbeschuldigungen und hohe Anspannung zeigen, wie hart die Konfrontation ist. Lesen Sie hier die Analyse.

          Die Umfragen

          Meinungsforscher sehen Macron deutlich vor Le Pen, derzeit mit rund 60 Prozent. Auch wenn dieser Vorsprung seit der ersten Wahlrunde vom 23. April etwas geschmolzen ist, bleibt der Abstand sehr groß. Warnende Stimmen verweisen auf das Brexit-Votum und den Wahlsieg des Rechtspopulisten Donald Trump in den Vereinigten Staaten – beides hatte lange Zeit als nahezu ausgeschlossen gegolten. Allerdings hinkt der Vergleich mit Frankreich. So hatten Meinungsforscher kurz vor dem Brexit-Votum durchaus einen sehr knappen Wahlausgang vorhergesagt, was in Frankreich bislang nicht der Fall ist. Das französische Wahlsystem macht einen Sieg Le Pens, anders als in Amerika bei Trump, unwahrscheinlicher.


          Lesen Sie in einer exklusiven Studie des Allensbach-Instituts, wie stark sich die Gefühlslage der Franzosen von der der Deutschen unterscheidet – und wie das die Wahl beeinflusst.

          Wer profitiert von wem?

          Nach dem ersten Wahlgang gaben zahlreiche Politiker Wahlempfehlungen für Macron ab, unter ihnen der ausgeschiedene konservative Kandidat François Fillon und der ebenfalls unterlegene Sozialist Benoît Hamon. Auch Staatschef François Hollande und sein konservativer Vorgänger Nicolas Sarkozy wollen für den sozialliberalen Reformpolitiker stimmen. Überraschend viel Unterstützung erfährt Marine Le Pen von Katholiken und möglicherweise auch aus dem linken Spektrum. Anders als 2002, als Front-National-Gründer Jean-Marie Le Pen überraschend in die Stichwahl einzog, gibt es dieses Jahr keine geschlossene „republikanische Front“ gegen die FN. Der Linke Mélanchon forderte seine Anhänger auf, nicht für Le Pen zu stimmen – er rief allerdings nicht zur Wahl Macrons auf.

          Lesen Sie in der Datenanalyse des ersten Wahlgangs, wer für Macron und wer für Le Pen gestimmt hat – und wo das meiste Wachstumspotential für die Kandidaten steckt.

          Die Wahlbeteiligung ist entscheidend

          Eine zentrale Frage wird die Wahlbeteiligung sein. Bei einer sehr niedrigen Wahlbeteiligung, warnen Experten, könnte Le Pen das Rennen machen, denn die Anhänger der Rechtspopulistin sind besonders mobilisiert. Dagegen könnten viele Wähler, die eigentlich Le Pen verhindern wollen, den Wahlurnen fern bleiben, weil sie einen Sieg Macrons angesichts der Umfragen ohnehin als sicher ansehen. Macron wird also alles unternehmen müssen, Wähler für den zweiten Wahlgang zu motivieren. Zumal der kommende Montag ein Feiertag ist und viele Franzosen das verlängerte Wochenende für einen Ausflug fern ihrer Wahlbüros nutzen könnten.

          Die Angst vor Terror ist in Frankreich groß. F.A.Z.-Korrespondentin Michaela Wiegel ist durch ein verwundetes Land gereist. Ihre Reportage lesen Sie hier.

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