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Stichwahl Frankreich : Die Kunst der Entteufelung

Noch nicht gewöhnt an den Jubel der Massen: Nicolas Dupont-Aignan (vorne links) auf einer Kundgebung Marine Le Pens in Paris-Villepinte Bild: Reuters

Marine Le Pen hat den konservativen Politiker Dupont-Aignan an ihre Seite geholt. Sie hofft, mit ihm Frankreichs Wähler der Mitte zu gewinnen. Ihm winkt das Amt des Premierministers. Was will der Mann?

          Die „Nicolas“-Rufe wollen nicht verstummen. Sie gelten Nicolas Dupont-Aignan, der Marine Le Pen den Weg in den Elysée-Palast ebnen soll. Dem 56 Jahre alten Hinterbänkler aus der Nationalversammlung ist anzumerken, wie sehr ihn die Begeisterung der Massen in der Messehalle von Paris-Villepinte am Montag überwältigt. „Psst! Seid ein bisschen braver“, ruft er in die Menge, die ihn immer wieder mit Jubelrufen unterbricht: „Nicolas! Nicolas!“

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          4,7 Prozent der Stimmen hat Dupont-Aignan im ersten Wahlgang der Präsidentenwahlen errungen, ein Rekord für den Gründer der nationalkonservativen Splitterpartei „Debout la France“ (etwa: Aufrecht, Frankreich). Vor fünf Jahren, bei seiner ersten Kandidatur für das höchste Staatsamt, schnitt der Bürgermeister der Stadt Yerres im Süden von Paris mit 1,7 Prozent der Stimmen ab. Doch in diesem Jahr sind ihm die frustrierten Wähler der Republikaner zugelaufen, viele enttäuschte Anhänger, die sich aufgrund des Korruptionsverdachts von François Fillon abwandten.

          Dupont-Aignan hat immer auf seine Rechtschaffenheit abgehoben, auch bei der jahrelangen Beschäftigung seiner Ehefau Valérie als parlamentarische Mitarbeiterin. „Aber sie arbeitet wirklich“, betonte Dupont-Aignan. Fast 1,7 Millionen Franzosen haben Dupont-Aignan ihr Vertrauen geschenkt und damit Fillon disqualifiziert. Dem Kandidaten der Republikaner fehlten nur knapp 500.000 Stimmen, um Marine Le Pen zu überrunden und in den zweiten Wahlgang einzuziehen. Dupont-Aignan aber ist mehr denn je von seiner Mission beseelt, die „historische Spaltung der Patrioten“ zu überwinden und Anhänger Le Pens und Republikaner und natürlich seine eigenen Gefolgsleute „zum Sieg zu führen“.

          Ehemals ein Linker, jetzt Le-Pen-Unterstützer

          „Wir haben ein Rendezvous mit der Geschichte, mit der großen Geschichte Frankreichs“, bekundet er als Auftaktredner der größten Kundgebung Marine Le Pens vor dem Stichwahlgang am 7. Mai. Er soll Le Pens Premierminister werden, wenn sie in den Elysée-Palast einzieht, aber vor allem soll er all jene Wähler beruhigen, die an Le Pens „Entteufelung“ zweifeln. Dupont-Aignan gehört der republikanischen Meritokratie an, er hat die staatliche Kaderschmiede Ena absolviert und in Ministerkabinetten von Michel Barnier und François Bayrou gearbeitet. Der Zentrist Bayrou, der zu den wichtigsten Unterstützern Emmanuel Macrons zählt, sagte jetzt über Dupont-Aignan: „Niemals hätte ich geglaubt, dass er sich Marine Le Pen anschließt. Er kam von der Linken“.

          Dupont-Aignan aber erzählt auf der Bühne in der Messehalle eine andere Geschichte: Von klein auf habe er gelernt, „die Interessen der Nation über meine persönlichen Interessen zu stellen“. Er beruft sich auf seinen Großvater, der als einer der ersten Kampfpiloten im Ersten Weltkrieg „jeden Tag sein Leben für die Nation riskierte“. Dupont-Aignan kann auf keine Regierungserfahrung zurückblicken. Er bekundet den festen Glauben, dass er zusammen mit Le Pen einen „wahrhaftigen Machtwechsel“ verkörpert. Er nennt die Wahlentscheidung am 7. Mai „die wichtigste Entscheidung seit Bestehen der V. Republik“. Es gehe darum, sich zwischen den Interessen der Finanzwelt und denen des Volkes zu entscheiden. Fillon und die Führungsriege der Republikaner nennt er Verräter, die Frankreich kampflos dem Nachfolger Hollandes ausgeliefert hätten. „Ich habe mich für Frankreich entschieden. Ich habe Marine gewählt“, ruft er in den Saal wie ein Echo zu Le Pens neuem Wahlslogan, der hinter ihm auf einer blauen Leinwand leuchtet: „Choisir la France“.

          Ein Wahlkampfwerbespot ganz zu Ehren Le Pens, dann tritt die Heldin des Filmes selbst auf die Bühne. Die etwa 6000 Anhänger halten Frankreich-Fahnen und Wimpel mit der Aufschrift „Für Frankreich entscheiden“ in die Höhe. Das soll im Umkehrschluss heißen: Macron ist nicht Frankreich, er verteidigt nicht die Interessen seiner Landsleute, sondern die der internationalen Großfinanz. Das zumindest behauptet Le Pen in allen erdenklichen Varianten. Sie mokiert sich über die Kandidaten, die „das System“ den Franzosen schon vorgesetzt habe: Alain Juppé, François Fillon und jetzt Emmanuel Macron. „Er war sich schon so siegessicher, dass er in ,La Rotonde‘ mit der Kaviarlinken und alten Berühmtheiten des Showbusiness seinen Sieg gefeiert hat“, spottete Le Pen. Doch jetzt werde „der Nachtschwärmer langsam nervös.“

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