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Parlamentswahl in Frankreich : Macrons Kandidat könnte linkes Paris erobern

Der starke Mann für Macron: Mounir Mahjoubi ist in der neuen Regierung für Digitales zuständig. Bild: Reuters

Macrons Leute lassen die Pariser Politiker alt aussehen. Das trifft vor allem die Sozialisten hart. Deren Chef Jean-Christophe Cambadélis fürchtet um die Zukunft der bisherigen Regierungspartei.

          3 Min.

          Jean-Christophe Cambadélis hat seine rot gestrichene Holzpalette mitgebracht. Von seinem improvisierten Podium herab versucht der sozialistische Parteivorsitzende die Passanten zu umwerben. „Paris braucht eine starke Linke“, ruft er ins Mikrofon. Einige Leute bleiben interessiert stehen, andere eilen vorüber. Kameraleute filmen die Szene. Neben Cambadélis steht lächelnd der frühere Premierminister Bernard Cazeneuve als Wahlkampfhelfer.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der Sozialistenchef braucht dringend Unterstützung. Nach dem historisch schlechten Ergebnis des sozialistischen Präsidentschaftskandidaten Benoît Hamon mit knapp über sechs Prozent steht die Partei vor dem finanziellen Ruin. Cambadélis muss Parteimitarbeiter entlassen, die ständigen Ausgaben kürzen. Vielleicht ist sogar die wichtigste Liegenschaft, das stolze Parteigebäude in der Rue de Solférino, nicht mehr zu halten. „Wir haben keine Schulden“, sagt Cambadélis, aber es klingt wie Selbstberuhigung. Nun droht dem Parteichef bei den Parlamentswahlen der Verlust seines Abgeordnetensitzes. Zum fünften Mal in Folge kandidiert Cambadélis in der Hauptstadt. 2012 war er mit mehr als 70 Prozent der Stimmen in die Nationalversammlung eingezogen. Sein Wahlkreis im Osten von Paris galt lange als sichere sozialistische Hochburg. Doch jetzt dürfte Cambadélis laut Umfragen keine Mehrheit bekommen.

          Sein Wahlkampf wird bereits als Sinnbild für den bevorstehenden Untergang der Regierungspartei gesehen. Dazu hat der Parteichef unfreiwillig beigetragen. Gleich zum Wahlkampfauftakt stellte er sich mit der roten Holzpalette an eine Straßenkreuzung. Offensichtlich hatte er vergessen, seine Anhänger einzuladen. Kaum jemand interessierte sich für den Politiker. So sah es aus, als halte Cambadélis ohne Zuschauer öffentliche Monologe. Sein einsamer Stand-up wurde zum Gespött in den sozialen Netzwerken. Fotomontagen zeigen den Sozialistenchef auf seiner roten Holzpalette mal in der Wüste, mal im weiten Meer.

          Aufstieg des Franko-Marokkaners

          Das Gelächter im Internet ist besonders bitter für den 65 Jahre alten Berufspolitiker. Denn sein wichtigster Gegner im Parlamentswahlkampf heißt Mounir Mahjoubi, der am Kabinettstisch der neuen Regierung für Digitales zuständig ist. Der Kandidat von „La République en Marche“ ist ein politischer Sonnyboy, der seine Wahlkampagne wie ein Start-up-Unternehmen organisiert: mit viel positivem Pioniergeist, gezielten Werbeaktionen über die sozialen Netzwerke und einer gehörigen Portion Glück. Der 33 Jahre alte Sohn marokkanischer Einwanderer kommt in dem von Migranten geprägten 19. Arrondissement gut an. „Wir kommen aus Marokko, aber ich verbringe nicht meine Zeit damit, mich als Franko-Marokkaner zu definieren“, sagt Mahjoubi lässig. Sein Vater arbeitete in einer Fabrik der Firma Soubrier, seine Mutter putzte in Pariser Luxushotels. Schon früh entdeckte der Musterschüler seine Computerleidenschaft. Im Alter von 22 Jahren gründete er seine erste E-Commerce-Firma – und scheiterte. Der nächste Versuch, eine mit einem Freund gegründete digitale Beratungsagentur, war 2009 erfolgreich und zählte Google zu ihren Kunden. Mahjoubis Gründergeist ließ ihn kurze Zeit später mit zwei Freunden eine neue Firma gründen, die lokale Produzenten mit den Konsumenten landwirtschaftlicher Erzeugnisse vernetzt. 2012 organisierte Mahjoubi die E-Kampagne des sozialistischen Präsidentschaftskandidaten François Hollande. Dieser dankte ihm, indem er ihn 2016 zum Präsidenten des Nationalen Digitalrates ernannte.

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          Schnell erkannte der umtriebige Computerfreak in Emmanuel Macron einen Gesinnungsgenossen. Macron machte Mahjoubi zu seinem IT-Leiter in der Wahlkampfzentrale. Der Mann mit dem wuscheligen Haarschopf und dem Dreitagebart war es, der die Abwehrstrategie gegen Hackerangriffe und andere feindliche Eindringversuche erarbeitete. Im Wahlkampf in Paris plaudert Mahjoubi darüber, als handele es sich um eine Selbstverständlichkeit. Der „Geek“ setzt aber auch auf konventionelle Strategien, um die Wähler zu erreichen. „Ich habe mir vorgenommen, bis zum 11. Juni an 10.000 Türen geklopft zu haben“, sagt er lächelnd. Sozialistenchef Cambadélis hat Mahjoubi einen Mangel an Erfahrung vorgeworfen. „Sein Problem ist vermutlich, dass er zu viel Erfahrung hat“, kontert der junge Kandidat. Er hoffe, dass Macrons Erneuerungsstrategie in Paris ankomme.

          Tatsächlich sieht es ganz so aus, als sollten Macrons Kandidaten die Hauptstadt erobern. Denn nicht nur der Sozialistenchef ist bedroht, auch der frühere Wahlkreis des republikanischen Präsidentschaftskandidaten François Fillon in Paris steht zur Disposition. Als Fillon nach langem Streit um seine Nachfolge Nathalie Kosciusko-Morizet den Wahlkreis mit der Nummer 2 übertrug, jubelte diese. Denn eigentlich galt die bürgerliche Wohngegend, die sich vom Jardin du Luxembourg bis ins Regierungsviertel zieht, als rechte Bastion. Doch nun jammerte Kosciusko-Morizet, sie stecke in einer Zwickmühle zwischen „République en Marche“ und einem rechten Dissidenten aus ihrer eigenen Partei. „Ich kann verlieren“, sagte sie.

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