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Kommentar zur Präsidentenwahl : Zerrissenes Frankreich

Marine Le Pen strahlt am Wahlabend. Bild: EPA

Mehr als vierzig Prozent der Franzosen haben Kandidaten von ganz links oder ganz rechts gewählt. Macrons Sieg ist so knapp, dass er es mit diesem Ergebnis in den beiden vorherigen Wahlen nicht einmal in die Stichwahl geschafft hätte.

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          Nun wird es also das Duell, das die vielgescholtenen Umfrageinstitute vorhergesagt haben: Die Stichwahl in Frankreich wird zwischen dem unabhängigen Kandidaten Emmanuel Macron und der Chefin des Front National, Marine Le Pen, stattfinden. Die etablierten und gemäßigten Kräfte in Europa, die Angst davor haben, dass die Rechtspopulistin den Euro und die EU zerstören wird, können also noch nicht aufatmen. Erst in zwei Wochen wird man wissen, ob die Franzosen mehrheitlich bereit sind, einen Weg der Abschottung und Renationalisierung zu gehen oder ob die EU noch einmal fünf Jahre Zeit erhält, um ihre gewaltigen Probleme zu lösen.

          Nikolas Busse

          Verantwortlicher Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Woche und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik (F.A.Z.).

          Das Ergebnis des ersten Wahlgangs ist wieder ein Beleg dafür, wie politisch zerrissen Frankreich ist. Macrons Sieg ist knapp; mit seinem Ergebnis wäre er in den beiden vorherigen Wahlen nicht einmal in die Stichwahl gekommen. Mehr als vierzig Prozent der Franzosen haben ihre Stimme Kandidaten von ganz links oder ganz rechts gegeben. Das ist eine Radikalisierung der politischen Landschaft, wie man sie auch aus anderen westlichen Ländern kennt. Und sie zeigt ein weiteres Mal, wie verunsichert viele Wähler angesichts der großen globalen Umbrüche sind, zu denen vor allem Migration und Globalisierung gehören.

          Frankreich ist eines der Länder in Europa, die sich besonders schwer mit beiden Phänomenen tun, und die ihre negativen Begleiterscheinungen in besonders starkem Maße zu spüren bekommen. Die Quittung dafür haben nun die beiden großen etablierten Parteien erhalten. Noch nie in der Geschichte der Fünften Republik fand eine Stichwahl ohne einen sozialistischen oder konservativen Kandidaten statt. Das ist der Preis für die verlorene Amtszeit Hollandes und die Skandale des bürgerlichen Kandidaten Fillon.

          In zwei Wochen haben die Franzosen die Wahl zwischen einem jugendlichen Sozialliberalen und einer Nationalistin, die sich gerne staatstragend inszeniert. In den letzten Umfragen für diese Paarung lag Macron stets deutlich vorne. Ihm dürfte zugute kommen, dass er sowohl ins linke wie ins bürgerliche Lager hinein Ausstrahlungskraft hat. Aber bis zur Wahl kann noch einiges geschehen. Ob Macron Präsident wird, dürfte vor allem davon abhängen, ob die Franzosen wie 2002 verhindern wollen, dass ein Le Pen in den Elysée-Palast einzieht.


          Wahl in Frankreich

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