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Porträt : Der unergründliche Monsieur Macron


Kindheit wird inszeniert

Die Beziehung ihres Sohnes zu seiner Frau beschreibt die Mutter als rein symbiotisch: „Man könnte Laetitia Casta vor ihm entkleiden, das würde ihm nichts anhaben.“ Die sieben Enkelkinder, die Brigitte (Jahrgang 1953) mit in die Ehe brachte, nennen ihn „Daddy“. In seinen Wahlkampf-Reden hat Macron stets die Rolle seiner vergötterten Großmutter mütterlicherseits betont.

„Man hat ihm eine Kindheit mit Bildern geschaffen, die sich gut verkaufen lassen: mit seiner Großmutter, die Lehrerin war und einer Urgroßmutter, die weder lesen noch schreiben konnte. Das hört sich sehr nach einem Bildungsroman der III. Republik an“, sagte Vater Jean-Michel Macron.

Familie nicht christlich geprägt

Emmanuel Macron kam am 21. Dezember 1977 knapp ein Jahr nach einer Fehlgeburt auf die Welt, die seiner Mutter beinahe das Leben gekostet hätte. Sie lag im Koma und brauchte lange, die Trauerarbeit über das verlorene Kind zu beenden. Emmanuel habe deshalb „beinahe schon eine Mission“ bei seiner Geburt gehabt, zitiert Fulda seine Mutter. Es sei verlockend, Macrons Wunsch, allen zu gefallen, auf den Schatten dieser noch im Mutterleib gestorbenen Schwester zurückzuführen, meint die Autorin.

Dabei habe sie entdeckt, dass die Familie nicht besonders christlich gewesen sei. „Emmanuel Macron war nicht getauft worden, aber er hat als Jugendlicher darauf gedrungen, sich taufen zu lassen. Das entsprach nicht der Familientradition, sein Vater war eher abgeneigt, auch wenn er Emmanuel und seine zwei jüngeren Geschwister auf eine katholische Schule, zu den Jesuiten, schickte“, sagt Fulda. Sein Bruder Laurent und seine Schwester Estelle sind Ärzte wie die Eltern geworden.

Macron hat Fulda erzählt, dass er eine „mystische Periode“ gehabt habe. Heute, sagt Fulda, sei er in der Glaubensfrage sehr diskret. „Ich habe mit seiner Frau darüber gesprochen, die sagte, sie seien keine regelmäßigen Kirchgänger, aber hätten eine wahrhaftige Beziehung zur ihrer Religion.“ Darauf führt Fulda auch die Äußerung Macrons im Wahlkampf zurück, dass man an Leute denken müsse, die während der Debatte über die Einführung der Homo-Ehe verletzt worden seien.

Einige seien darüber verwundert gewesen. „Ich glaube, dass dies auch seine Bindung an Jouyet stärkte, der ein überzeugter Katholik ist und der Präsident Hollande immer dazu aufgefordert hatte, die Christen zu respektieren“, sagt sie. Macron teile die Überzeugung, dass die Katholiken, die gegen die Homo-Ehe waren, nicht gedemütigt oder verletzt werden dürften.

Ähnliche Voraussetzungen wie bei Napoleon

Wie erklärt sich Anne Fulda die in nur drei Jahren vollendete Blitzkarriere Macrons vom politischen Nobody zum bestplatzierten Präsidentschaftsanwärter, der kurz vor dem Einzug in den Elysée-Palast zu stehen scheint? Fulda zitiert den französischen Großrabbiner Haim Korsia, der Ähnlichkeiten zum jungen Napoleon Bonaparte ausgemacht hat. „Macron ist Bonaparte“, sagte Korsia ihr. Wie sein großer Vorgänger sei er nach einer Periode erschienen, in denen die Köpfe fielen: Nicolas Sarkozy, Alain Juppé, Manuel Valls, François Hollande.

Er habe die Jugend, den Elan und das Selbstvertrauen, das Bonaparte hatte, als er nach dem Ancien Régime und der Revolution an die Macht kam. Fulda sagt: „Er hat auch eine ähnliche Husarenmanier. Natürlich ist das jetzt kein Staatsstreich, aber Macron hat einen geradezu stählernen Glauben an sich selbst gezeigt, der an den jungen Bonaparte erinnert. Einige sagen auch, dass seine Frau in ihrer Stellung Josephine Bonaparte ähnelt, die acht Jahre älter war und viel Einfluss ausübte. Wir werden sehen. Ich glaube nicht, dass er uns zu großen Eroberungszügen verleiten wird.“

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