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Französische TV-Debatte : Wahlkampf im Schnelldurchlauf

  • -Aktualisiert am

Emmanuel Macron Bild: EPA

Zum ersten Mal sollten in einer TV-Debatte alle Kandidaten der französischen Präsidentenwahl zu Wort kommen. Doch viele gehen in dem Wortgetümmel unter. Das Ticket für den zweiten Wahlgang werden zwei bekannte Gesichter ergattern.

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          Dafür, dass alle elf Kandidaten des französischen Präsidentenwahlkampfes gestern Abend gleichzeitig auf der großen Fernsehbühne standen, wurde erstaunlich viel debattiert — vielleicht gar ein bisschen zu viel. Denn im Wortgemenge dieses „historischen Abends,“ an dem zum ersten Mal in der Geschichte französischer Präsidentenwahlkämpfe alle Kandidaten zu Wort kommen sollten, scheiterten viele von ihnen daran, einen Mittelweg zwischen dem raschen Herunterbeten des eigenen Programms und den spitzen Angriffen auf ihre Gegenkandidaten zu finden. Auseinandersetzungen waren überwiegend von kurzer und populistischer Natur, die Moderatorinnen drängten bald zum nächsten Thema. Das verwundert nicht, denn die Zeit für Dialoge und Debatten ist logischerweise knapp, wenn in dreieinhalb Stunden alle elf Kandidaten zu jedem Thema mindestens einmal zu Wort kommen sollen. Trotz der fast vierstündigen Sendezeit war es eine Debatte im Schnelldurchlauf — über alles sollte geredet werden, thematische Vertiefungen gab es nur selten.

          Genutzt hat dieses Sendeformat wohl vor allem den unbekannteren Kandidaten. Denn mit ihren Positionen dürfte die Mehrheit der französischen Bevölkerung vor der Debatte am Dienstagabend wohl nicht allzu vertraut gewesen sein. Auch nutzten die weniger prominenten und relativ chancenlosen Amtsanwärter die Gelegenheit der Fernsehbühne, um sich gegen eine Fortführung der etablierten Polit-Maschinerie auszusprechen. Vor allem der antikapitalistische Kandidat Philippe Poutou erntete für seine Angriffe auf den Konservativen François Fillon und die rechtspopulistische Kandidatin Marine Le Pen, die beide der Untreue verdächtigt werden, in den sozialen Netzwerken viel Anerkennung — ein Erfolg für den eigentlich unbedeutenden Kandidaten, der es in den Umfragen gerade einmal auf einen Prozent schafft und während der Wortgefechte als einziger nicht im Anzug auf der Bühne stand.

          „Nationalismus ist Krieg“

          Auf das Ergebnis der ersten Wahlrunde auswirken wird sich dieser kleine Aufschwung Poutous allerdings kaum. Denn auch an diesem Abend zeichnete sich wieder ab, wer wohl im ersten Wahlgang ein Ticket für das finale Duell am 7. Mai ergattern wird: der ehemalige Sozialist Emmanuel Macron, der sich mit seiner neugegründeten Bewegung „En Marche!“ um das Präsidentenamt bewirbt, und Le Pen. Die beiden Favoriten lieferten sich im Verlauf der Debatte mehrere direkte Auseinandersetzungen. Macron warf Le Pen unter anderem vor, mit ihrem Anti-EU-Kurs einen Wirtschaftskrieg anzetteln zu wollen. „Das, was Sie vorschlagen, ist Nationalismus“, so Macron. „Und Nationalismus ist Krieg.“

          Die Teilnehmerrunde war groß wie nie – und passt nicht einmal auf ein Foto.

          „Die Freihandelsabkommen CETA und TTIP werden uns töten“, erwiderte Le Pen in gewohnt populistischer Rhetorik. „Für eine Reihe an Wirtschaftssektoren eröffnet man inzwischen Museen und keine Fabriken mehr.“ Dennoch schlug die Vorsitzende des Front National bei ihrer EU-Kritik einen im Vergleich zur offiziellen Parteilinie verhaltenen Ton an: Vom Euro-Austritt war kaum die Rede. Auch betonte Le Pen mehrmals, dass sie das französische Volk per Referendum über die Zukunft Europas entscheiden lassen wolle. Lediglich beim Kampf gegen den Terrorismus warb Le Pen in altbekannten Tönen für sich: Frankreich sei eine „Universität des Dschihadismus“.

          Der konservative Kandidat François Fillon gab sich in seinen Angriffen auf Le Pen verhaltener als Macron. Dazu fand sich Fillon im Verlauf des Abends immer wieder selbst in die Defensive gedrängt, vor allem in der Themenrunde zur Moral in der Politik. Denn der Vorwurf der Scheinanstellung seiner Frau Penelope als Parlamentsassistentin kam im Laufe des Abends wieder auf. Sowohl seine Mitstreiter als auch die Moderatorinnen ließen nicht von der Affäre ab. Fillon blieb seiner Strategie der Gegenbeschuldigung treu: Er habe keine Fehler gemacht, betonte er in müdem Tonfall, man wolle ihn seit Monaten aus dem Wahlkampf eliminieren. Aber auch sonst gab sich Fillon am Dienstag in seinen Aussagen wenig energisch. Bei den Zuschauern scheint sein unaufgeregter Auftritt angekommen zu sein: 18 Prozent empfanden ihn laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Opinionway als den überzeugendsten Kandidaten des Abends. Damit liegt er gleichauf mit Macron und dem Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon.

          Benoît Hamon, der Kandidat der Sozialisten, gab sich zwar souverän und kämpferisch, bildete mit einem Überzeugungswert von gerade einmal acht Prozent allerdings das Schlusslicht der fünf etablierten Kandidaten. Hamon verteidigte die große Anzahl der Angestellten im öffentlichen Dienst gegenüber dem Konservativen Fillon, und doch stahl ihm aus dem linken Lager Mélenchon die Show. Mélenchon, der Hamon inzwischen auch in den Umfragen überholt hat, bot den konservativen und rechten Kandidaten mehr Paroli und bezog klare, radikalere Positionen. Le Pen warf er vor, mit ihrem Vorschlag, in Gemeindeämtern Weihnachtskrippen aufzustellen, die Trennung von Staat und Kirche nicht zu respektieren: „Das ist Ihre Version von religiöser Neutralität des Staates?“ Sechzig Prozent der Franzosen „fühlen sich keiner Religion zugehörig“, betonte Mélenchon.

          Am 20. April findet die letzte Debatte der französischen Präsidentschaftskandidaten vor dem ersten Wahlgang statt. Auch dann sollen wieder alle elf Kandidaten auf der Bühne stehen. Mélenchon und Macron äußerten jedoch bereits Zweifel, ob sie den Termin aufgrund ihres vollen Wahlkampfprogramms so kurz vor der ersten Runde überhaupt wahrnehmen könnten.

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