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Frankreich vor der Wahl : Eine verwundete Nation

Trauer: Am Tag nach dem Anschlag in Paris vom 13. November 2015 hängen die Trikolore auf dem Dach des Elysée-Palastes auf Halbmast. Bild: AP

Neben Terroranschlägen machen auch wirtschaftliche Probleme und schwindender sozialer Zusammenhalt Frankreich zu schaffen. Noch ist ungewiss, welche politische Kraft bei der Wahl davon profitieren wird.

          Die Frühlingssonne spiegelt sich im Meer vor der Promenade des Anglais, ein Flugzeug gleitet durchs wolkenlose Blau. Nur die funkelnden neuen Poller erinnern daran, dass die Strandpromenade in Nizza Schauplatz eines schrecklichen Terroranschlags war. Mütter schieben Kinderwagen, ein Jogger läuft vorbei, amerikanische Touristen unterhalten sich lautstark. Die meisten Gedenkstücke des tragischen 14. Juli 2016, Teddybären, Plastikblumen, Luftballonherzen und Tausende Trauerbriefe sind vom Rathaus in einen Saal des Stadtarchivs in Saint-Laurent-du-Var geschafft worden.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          „Fast meint man, die Leute sollten vergessen, was am Nationalfeiertag an der Promenade des Anglais geschah“, sagt Emilie Petitjean, die seit Jahresbeginn den Terroropfer-Verein „Promenade des Anges“ leitet. „Ange“ heißt Engel und ist eine Anspielung auf den Namen der Bucht vor der Promenade, „La Baie des Anges“.

          Petitjean, 36 Jahre alt, hat ihren zehn Jahre alten Sohn verloren, als der von einem islamistischen Terroristen gesteuerte Lastwagen die Feuerwerks-Besucher überrollte. Bis heute, sagt sie, könne sie nicht auf der Promenade spazieren gehen. Kürzlich hat sie in der benachbarten Gemeinde Drap der Grundsteinlegung für ein neues Schulgebäude beigewohnt, das den Namen ihres ermordeten Sohnes, Romain Knecht, tragen wird. Eine Schule gegen das Vergessen, sagt sie. Von der Regierung fühlt sie sich im Stich gelassen.

          „Wir werden noch nicht einmal über den Stand der Ermittlungen informiert“, sagt sie. Nachbarn und Bekannte, sagt sie, wollten aus Zorn darüber Marine Le Pen wählen. Bei den Regionalwahlen 2015 hatten Links- und Rechtswähler sich noch im zweiten Wahlgang zusammengeschlossen, um die Kandidatin des Front National, Marion Maréchal-Le Pen, in der Mittelmeerregion zu verhindern.

          Den Politikern sei das Geschäft mit Touristen wichtiger

          Der Spitzenkandidat der Republikaner, Christian Estrosi, hatte damals Nizza als Labor für eine erfolgreiche Sicherheitsstrategie mit Überwachungskameras angepriesen. Doch seine Glaubwürdigkeit ist seit dem Terroranschlag erschüttert. Sogar die Anhänger seiner Partei buhten ihn bei einer Kundgebung François Fillons in Nizza aus. Erst nach langem Zögern hat der Bürgermeister von Nizza, ein Strohmann Estrosis, eingewilligt, ein Denkmal für die 86 Terroropfer an der Promenade des Anglais zu planen.

          Lange hieß es aus dem Rathaus, das könne die Unesco-Juroren abschrecken, die Promenade als Weltkulturerbe anzuerkennen. Letztlich sei den Politikern das Geschäft mit den Touristen wichtiger als das Leid der Hinterbliebenen und der Überlebenden, seufzt die Vereinsvorsitzende. „French Merveilles“ heißt die Werbeaktion, mit der Regionalratspräsident Estrosi die auswärtigen Urlauber zurück in die Mittelmeerregion holen will.

          In seinem Bestseller-Roman „Sur les chemins noirs“ (Auf den schwarzen Wegen) wandert Sylvain Tesson durch ein Land, das nicht untergehen will, eine liebenswerte Schattengesellschaft abseits der Hektik der Metropolen, vergessen von den Raumerschließungsplänen der Zentralregierung und dem Wettbewerbsdruck der Globalisierung. Vermutlich ist der Roman auch deshalb so erfolgreich gewesen, weil er die Franzosen an Sehnsuchtsorte „mit Ebereschen und Schleiereulen“, ohne W-Lan und TGV-Bahnstation erinnert.

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