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Fillons „Trumpisierung“ : Der doppelte Moralist

Wird François Fillon zu Frankreichs Totengräber? Bild: AP

Die „Trumpisierung“ François Fillons ist in vollem Gange. Mit ihm bekam die bürgerliche Rechte einen reaktionären Kandidaten, der sich nun in einem Amoklauf auf dem Weg zum Élysée befindet.

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          Vielleicht wird man François Fillons Sturheit, Lügen und gebrochene Versprechungen eines Tages als historischen Instinkt loben, ohne den in Frankreich keine Präsidentschaftswahl gewonnen werden kann. Und das Stahlbad, das noch lange nicht zu Ende ist, als beste Vorbereitung, ja Voraussetzung für die Ausübung des Amts deuten.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Der Marxist Mitterrand war mit dem Heiligenschein des Widerstandskämpfers und einer Lebenslüge zu einer Wahl angetreten, die er auch im dritten Anlauf verloren hätte, wenn der Öffentlichkeit seine braune Vergangenheit in Vichy und sein privates Doppelleben bekannt gewesen wären. Er brachte die Kommunisten mit an die Regierung und beschleunigte ihren Niedergang. Das Aufkommen des Front National förderte der geniale Zyniker an der Macht mit einer Reform des Wahlsystems. Damals entwickelte eine „Nouvelle Droite“ mit Alain de Benoist als bekanntestem Vertreter eine Strategie zur Rückeroberung der Macht mit Hilfe der Kultur. Sie griff dabei ziemlich skrupellos auf faschistisches und rassistisches Gedankengut zurück, das in Frankreich über eine große Tradition verfügt.

          Ein Kandidat „ohne Komplexe“

          Seit dem Sieg von Donald Trump entdecken die Franzosen, dass Amerika nicht nur die „French Theory“ der Strukturalisten und der Dekonstruktion — aus der die politische Korrektheit hervorging — importiert hat. Stephen Bannon, der Ideologe des Präsidenten, hat sich als begeisterter Leser von Jean Raspails unheimlichem Bestseller „Das Heerlager der Heiligen“ entpuppt. Er bekennt sich zum „integralen Nationalismus“ des faschistischen Dichters Charles Maurras, der die Aufklärung bekämpfte. Der Gegensatz von „pays légal“ und „pays réel“ — der liberalen Demokratie und dem „wahren“ Frankreich, der Nation — ist ebenfalls ein von Charles Maurras entwickeltes Konzept, auf das sich Trumps Wahlkampf stützte. Unter Vichy benutzte es Pétain, im Kampf des „Volkes“ gegen das „System“. Als einer der Inspiratoren von „Alt-Right“ kommt der 72 Jahre alte Alain de Benoist auch in Frankreich zu neuen Ehren. Zeitungen, die ihn dreißig Jahre lang ignorierten, schreiben über ihn.

          Die kulturelle Hegemonie ist nun erobert. Mit Fillon bekam die bürgerliche Rechte, deren größtes Problem die Abgrenzung vom Front National war, einen Kandidaten „ohne Komplexe“ und mit einem kohärenten, reaktionären Programm. Haushoch hatte er damit die Vorwahl seiner Partei, der Republikaner, gewonnen. Nichts schien seinen Triumphzug ins Elysée aufhalten zu können. Als Saubermann ohne Affären seit dreißig Jahren präsentierte er sich im Wahlkampf und erteilte seinen Gegnern Lektionen in politischer und moralischer Korrektheit.

          Amoklauf im „pays légal“

          Doch der praktizierende Katholik Fillon führt seit „Penelopegate“ einen Wahlkampf, den er wohl aus ungläubigem Entsetzen über seinen eigenen Sündenfall zum hysterischen Psychodrama gemacht hat, zum Kampf gegen die Medien, die Justiz, die Partei. Er sprach von „Bürgerkrieg“ und „Mord“. Die abtrünnigen Parlamentarier nannte er „Deserteure“. Vor Fake News schreckt er nicht mehr zurück: TV-Sender hätten einen „Suizid meiner Frau“ erfunden. Mit der skrupellosen — und erfolgreichen — „Trumpisierung“ seiner Kampagne aus der Tiefe des „pays réel“ hat der Biedermann, der Präsident werden will, der Demokratie einen Schaden zugefügt, der in keinem Verhältnis mehr zum Griff in die Staatskasse steht, aus der Papa Fillon seine Familie für ihre Scheinarbeit in seinen höheren Diensten bezahlte. Die Partei hat er um den Preis ihrer möglichen Auflösung hinter sich gebracht. Die Gefahr, dass er sie an die Wand fährt, ist groß.

          Fillons „Trumpisierung“ geht einher mit einer Radikalisierung im Sinne der konservativen Katholiken, die ihn mit ihrer Massendemonstration des „pays réel“ retteten und zu legitimieren glauben. Damit kann er vielleicht sogar der um extreme Mäßigung bemühten, laizistischer und moderner wirkenden Marine Le Pen Wähler abspenstig machen. Viel größer aber ist die Zahl der Republikaner, die mit Emmanuel Macron die politische Mitte wählen werden. Die Umgestaltung der ideologischen Landschaft ist in vollem Gange. Sie erfolgt wie unter Mitterrand über Rückzugsgefechte und auf schwer nachvollziehbaren Pfaden. Im Falle seines Sieges könnte Fillon als Totengräber des Front National in die Geschichte eingehen. Doch bis dahin geht er auf seinem Amoklauf im „pays légal“ der demokratischen Institutionen das gefährliche Risiko ein, dass Trump in Paris nicht nur salonfähig, sondern möglich wird.

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