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Macron bei Merkel : Zuneigung, gleichmäßig verteilt

  • -Aktualisiert am

Der französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron vor dem Kanzleramt: Kommt mir nicht zu nahe. Bild: dpa

Die Kanzlerin freut sich über den Wahlausgang in den Niederlanden und empfing kurz vor ihrer Amerika-Reise den französischen Präsidentschaftskandidaten Macron. Sie will damit nicht den selben Fehler wie 2012 begehen.

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          Angela Merkel pflegt sich bei ihren Reden und Auftritten eng ans Thema zu halten. Ist die Aktualität einmal sehr drängend, schiebt sie einen kurzen gesonderten Auftritt vor den Mikrofonen hinterher. Dass sie aber auf einer großen Veranstaltung zur Demographie – einem Thema, das ihr wichtig ist – schon vor ihrer Rede auf etwas anderes zu sprechen kommt, ist ungewöhnlich. So war es am Donnerstag. Erkennbar erfreut kommentierte sie den Ausgang der Wahl in den Niederlanden, bei denen die Rechtspopulisten deutlich schlechter als befürchtet abgeschnitten hatten. Es sei ein „guter Tag für die Demokratie“ gewesen und es handele sich um ein „sehr pro-europäisches Ergebnis“.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Nun schaut niemand in den Kopf einer Bundeskanzlerin. Aber vielleicht war Merkel ja auch schon einen kleinen Schritt weiter in ihrem vollgepackten Terminkalender, als sie das sagte. Denn am frühen Nachmittag empfing sie den laut Umfragen derzeit aussichtsreichsten Kandidaten der im April stattfindenden französischen Präsidentenwahl: Emmanuel Macron. Und das, obwohl sie eigentlich schon auf dem (zweiten) Sprung war zu einem Treffen mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump, also nicht an Unterbeschäftigung litt.

          Der Gast aus Frankreich schien jedenfalls einen etwas entspannteren Tag zu haben, immerhin saß er telefonierend in einem Berliner Café, begleitet von einem Leibwächter und einem Kamerateam, und ließ sich von Reportern der Deutschen Presseagentur nach seinen Aussichten bei der Wahl befragen. Noch nichts sei entschieden, niemand solle sich täuschen, sagte der Anführer der Bewegung „En Marche!“. Macron wirbt in seinem Wahlkampf offensiv damit, den Zusammenhalt Europas und der Europäischen Union wiederzubeleben, ein Gedanke, welcher der Kanzlerin nach der Brexit-Entscheidung der Briten und unter dem Eindruck des antieuropäischen rhetorischen Dauerfeuers aus der Türkei höchst sympathisch sein dürfte.

          Nur Le Pen darf nicht zu Merkel

          Doch Merkel ließ Macron keine Sonderbehandlung zuteil werden, indem sie ihn empfing. Im Gegenteil: Eine Sonderbehandlung erhält nur die Rechtspopulistin Marine Le Pen, indem sie als einzige Bewerberin für das höchste politische Amt in Frankreich nicht vor der Wahl im Kanzleramt empfangen wird. Noch Ende Januar war der Kandidat der Republikanischen Partei, François Fillon, zu Gast bei der Frau, die nicht zum ersten Mal eine erhebliche Rolle im französischen Wahlkampf spielt. Die Republikaner sind der CDU und CSU sozusagen der natürliche parteipolitische Partner. Fillon stand zu Beginn seiner Kandidatur glänzend da und hatte alle Chancen, die Wahl zu gewinnen. Dann allerdings holten ihn unterschiedliche Affären mit derartiger Wucht ein, dass es schon ziemlich riskant wäre, würde Berlin auf ihn als den nächsten Präsidenten setzen.

          Wie man sich zu Merkel und Deutschland verhält und wie man von ihr behandelt wird, war vor allem im vorigen Präsidentschaftswahlkampf westlich des Rheins im Jahr 2012 wichtig. Da allerdings hatte Merkel keine glückliche Hand im Umgang mit der Thematik bewiesen, weil sie ein Treffen mit dem Kandidaten der Sozialisten, François Hollande, abgelehnt hatte. Gunther Krichbaum, CDU-Abgeordneter und Vorsitzender des Europaausschusses im Bundestag, heißt es gut, dass Merkel jetzt alle und damit auch Macron empfängt. Nachdem Hollande dann doch siegreich aus der vorigen Wahl hervorgegangen sei, habe er Merkel die Verweigerung eines Empfangs in Berlin noch relativ lange übel genommen und das deutsch-französische Verhältnis sei lange nicht in die Gänge gekommen. Ob nun Zufall oder Absicht: Just an jenem Tag, an dem Merkel sich mit Hollandes einstigem Wirtschaftsminister Macron traf, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert mit, dass seine Chefin mit dem Noch-Präsidenten telefoniert habe. Es sei um die Spannungen zwischen einigen Mitgliedstaaten der Europäischen Union und der Türkei gegangen. Dieses Mal wird alle Zuwendung schön gleichmäßig verteilt.

          Macron und Gabriel: Obwohl der französische Präsidentschaftskandidat kein Sozialist ist, ist es für die SPD kein Problem, mit ihm zu posieren.

          Für die deutschen Sozialdemokraten ist der Umgang mit Macron zumindest theoretisch nicht ganz leicht. Der Kandidat des eigentlichen parteipolitischen Verbündeten der SPD in Frankreich, des Parti Socialiste, ist schließlich ein anderer. Doch der Einzug Benoît Hamon in den Elysée ist fünf Wochen vor der Wahl ausweislich der Umfragen unwahrscheinlich. Da sich zudem immer mehr Sozialisten Macron und seiner Bewegung anschließen, hatte am Donnerstag auch die SPD keinerlei Problem damit, ihn zu umarmen. Im Gegenteil. Der Noch- Parteivorsitzende Sigmar Gabriel empfing ihn in seiner Funktion als Außenminister im Auswärtigen Amt, nachdem Macron mit der Bundeskanzlerin gesprochen hatte. Merkel hatte noch auf einen öffentlichen Auftritt zusammen mit Macron verzichtet, das Bundespresseamt wollte nicht einmal die Zeit bekanntgeben, zu der das Treffen des Kandidaten und der Kanzlerin stattfand. Gabriel war da entspannter. Er ließ zu einem gemeinsamen Auftritt vor Kameras und Mikrofonen einladen. Wem das noch nicht reichte, der konnte am Abend zuhören, wie der Außenminister und sein Gast aus Frankreich mit dem Philosophen Jürgen Habermas über die Zukunft Europas diskutierte.

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