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Lencke Steiner im Porträt : Die Verpackungskünstlerin der FDP

Mit Lencke Steiner will die FDP in Bremen ihren Erfolg bei der Wahl in Hamburg wiederholen. Bild: Daniel Pilar

Die Bremer Unternehmerin Lencke Steiner handelt mit Schachteln für Obst und Gemüse. Da bleibt Zeit, nebenbei die FDP zu retten. Wichtige Erfahrungen für ihre Mission hat sie im Fernsehen gesammelt.

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          Ein älterer Herr hat sie gefragt. Horst-Jürgen Lahmann, 79 Jahre alt, ist so etwas wie der Doyen der Bremer FDP aus Tagen, als die Partei noch im Landesparlament saß. Er bat die 29 Jahre alte Lencke Steiner zum Gespräch ins Café, die Geschäftsführerin einer Verpackungsfirma und Vorsitzende des Bundesverbands „Junge Unternehmer“, die damals vor ihrer Heirat noch Lencke Wischhusen hieß. An dem Terminwunsch war nichts Ungewöhnliches, schließlich pflegte die parteilose Bremerin als Firmenlobbyistin ohnehin Kontakte in die Politik.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ungewöhnlich war hingegen der Vorschlag, den Lahmann der jungen Frau machte: Sie solle doch als Spitzenkandidatin für die FDP antreten, bei der Bürgerschaftswahl am 10. Mai. Zu verlieren gab es nicht viel, für die Kandidatin wie für die Partei: Seitdem die Bremer FDP vor zwanzig Jahren eine Ampelkoalition mit SPD und Grünen im Streit um ein Vogelschutzgebiet scheitern ließ („Piepmatzaffäre“), war der Partei nur noch einmal der Einzug ins Landesparlament gelungen. Vor vier Jahren kam sie gerade noch auf 2,4 Prozent.

          „Das war der perfekte Moment“, sagt Steiner im Rückblick. „Ich hab relativ schnell ja gesagt.“ Ihre Kandidatur passte gleich mehrfach ins Konzept des neuen FDP-Bundesvorsitzenden Christian Lindner. Schon in Hamburg setzten seine „Freien Demokraten“, die sich jetzt nicht mehr „Liberale“ nennen, auf eine junge Frau. Außerdem will er zeigen, dass die FDP mit der Wirtschaft wieder im Reinen ist. Und er will die Partei öffnen für neue Wählerschichten, da kommt eine parteilose Kandidatin gerade recht. Für Lindner wäre es ein unerwarteter Erfolg, wenn die FDP nach dem Hamburger Wahlsieg auch in der Bremer Diaspora zulegen könnte. Es sind die einzigen Landtagswahlen für lange Zeit.

          Der Wahlkampfprofi aus Karl-Marx-Stadt

          Umso besser, dass auch die Kandidatin selbst auf der Suche nach einer neuen Aufgabe war: Den Vorsitz beim Verband muss sie im Herbst turnusgemäß abgeben. Also lässt sie sich von der Partei ins Schaufenster stellen, weil es auch für sie eine Chance ist.

          Zur ersten Vorbesprechung für die heiße Wahlkampfphase lädt sie ins spartanische Firmenbüro. Die väterliche Firma, in der sie seit fünf Jahren Geschäftsführerin und seit drei Jahren Gesellschafterin ist, handelt ganz bodenständig mit Verpackungen, vor allem für Lebensmittel. Durchsichtige Plastikschalen für Erdbeeren sind genauso im Sortiment wie Styroporschalen für abgepacktes Fleisch. Das dreistöckige Lagerhaus steht in der Einflugschneise des Bremer Flughafens, daneben findet sich ein unscheinbarer Klinkerbau für die Verwaltung. Steiners weißer Mercedes wirkt hier wie ein Fremdkörper, zumal Vater Wischhusen gerade eigenhändig das Dach seines Schuppens kärchert. Er hat dafür eine gelbe Gummihose übergestreift, die mit blauen Trägern an den Schultern befestigt ist. Die Farben sind das Einzige, was hier draußen an das politische Engagement der Tochter erinnert.

          Dafür wird drinnen, im engen Büro, jetzt die Zukunft der FDP geplant. Schon allein, weil die außerparlamentarische Partei in Bremen kaum über eine eigene Infrastruktur verfügt. Aus Berlin angereist ist Christian Renatus, Kommunikationsberater der Bundes-FDP, gebürtig aus dem Erzgebirge und mit sächsischem Akzent. Der Mann, zu DDR-Zeiten im Bezirk Karl-Marx-Stadt Vorsitzender der Blockpartei LDPD, ist ein Vollprofi. Er hat im erfolgreichen Bundestagswahlkampf 2009, als die FDP ihr historisch bestes Ergebnis einfuhr, die Werbemaßnahmen koordiniert. Auch er hat allerdings 2013 nicht verhindern können, dass die Partei zum ersten Mal nicht in den Bundestag kam.

          „Puschy“ ist sich für kaum einen Spaß zu schade

          Renatus findet nichts anrüchig daran, mit einer attraktiven Frau zu werben. „Da gefallen mir auch manche Reaktionen aus der eigenen Partei nicht“, sagt er. Am nächsten Tag ist das Fotoshooting für die Wahlplakate angesetzt. Sie sollen ausnahmslos Lencke Steiner zeigen. In Hamburg hat jeder vierte FDP-Wähler allein wegen der Spitzenkandidatin für die Partei gestimmt. Das soll jetzt auch in Bremen klappen. Für die Optik ist die Berliner Agentur „Heimat“ zuständig, der Werber Andreas Mengele bemüht sich an diesem Vormittag eigens aus dem Kreuzberger Loft auf den Bremer Gewerbehof. Er war es, der den „Freien Demokraten“ die neue Farbe Magenta verpasste.

          Am Tisch sitzt auch der FDP-Landesvorsitzende Hauke Hilz, ein 37-jähriger Professor für Lebensmittelchemie an der Hochschule Bremerhaven. Er trägt die konsequente Personalisierung mit. „Sonst hätt ich ja selbst kandidieren können“, witzelt er, als Kommunikationschef Renatus sein Lob auf die attraktive Kandidatin anstimmt. Mit Jeans und Polohemd wirkt Hilz eher jungenhaft als professoral, zu unauffällig jedenfalls für eine Partei, die um jeden Preis wahrgenommen werden will.

          Das ist eine Gratwanderung, gerade auch für eine extrovertierte Frau wie Steiner (Spitzname „Puschy“), die sich für kaum einen Spaß zu schade ist. Zum Auftakt will Steiner am kommenden Donnerstag gemeinsam mit der Hamburger Wahlsiegerin Katja Suding und der FDP-Generalsekretärin Nicola Beer auftreten, in einem Lokal in Schwachhausen, einem besseren Wohnviertel der Stadt. 60 bis 80 Leute werden erwartet, so sind die Verhältnisse bei der Bremer FDP.

          Als arrogante Erbin beschimpft

          Steiner schlägt in der Wahlkampfrunde vor, das Bild aus der Zeitschrift „Gala“ nachzustellen: Dort posierten die drei Politikerinnen zu Jahresanfang unter der Überschrift „Drei Engel für Lindner“. Kommunikationsprofi Renatus rät von einer Wiederholung strikt ab: Auf keinen Fall dürfe man Erinnerungen an die „Spaßpartei“ wecken, die einst mit „Guidomobil“ durch die Lande zog.

          Die Spitzenkandidatin schaut verständnislos. Als sich Guido Westerwelle die „18“ an die Schuhsohle klebte, war Lencke Steiner gerade 16 Jahre alt und interessierte sich noch nicht sonderlich für Politik. Jedenfalls tut sie heute so. „Spaßpartei?“, fragt sie. „Ist ja witzig. Das hat der wirklich gemacht?“ Vielleicht muss man so unbefangen sein, um sich nach allem, was passiert ist, auf das Projekt FDP noch einzulassen.

          Seit dem vorigen Jahr tritt Steiner auch in einer Fernsehshow auf. „Die Höhle der Löwen“ heißt die Sendung auf Vox, gemeinsam mit vier anderen Juroren bewertet die Unternehmerin junge Start-up-Firmen, in die sie bei Wohlgefallen auch investiert. Einer der beiden Drehbuchautoren arbeitet jetzt im Wahlkampf als Steiners Medienberater. Weil sie manche Gründer so kühl abkanzelte und mit ihren schicken Klamotten reichlich abgehoben wirkte, wurde Steiner in Internetforen als arrogante Erbin beschimpft - zumal sie im vorigen Sommer einen Mann heiratete, der gleichfalls ein ererbtes Familienunternehmen führt und weltweit Öl- und Gasanlagen vertreibt. Deshalb hat sich das Paar für die Wochenenden eine gemeinsame Wohnung in Frankfurt genommen. Um das Jetset-Image abzustreifen, erscheint sie zum Fototermin jetzt lieber in Jeans.

          Für ein paar Tage Youtube-Star

          Als Chefin der „Jungen Unternehmer“ hat Steiner zuletzt die große Koalition in Berlin scharf kritisiert, das macht sie selbstverständlich auch als FDP-Wahlkämpferin. Sie schimpft über die Rente mit 63 und sagt: „Ich fühle mich als Unternehmerin und junge Frau nicht mehr repräsentiert.“ Aber das sind keine Dinge, über die in der Bremer Bürgerschaft entschieden wird. Und die maroden Finanzen des kleinen Bundeslandes sind ein heikles Thema, weil dann schnell der Ruf nach dessen Auflösung ertönt. Und damit mag in der lokalpatriotischen Hansestadt auch die FDP nicht antreten, für die das eigentlich ein schönes Thema wäre. Die „Freiheit Bremens“ sei ein hohes Gut, sagt Steiner dann ganz schnell. Sparen könne man auch an anderer Stelle, etwa durch die Privatisierung landeseigener Betriebe.

          So sind es vor allem zwei Themen, auf die sie immer wieder zu sprechen kommt. Zum einen die Bildungspolitik, die im Wahlprogramm auf dem ersten Platz steht und immer gut kommt, um als Oppositionspartei die Landesregierung anzugreifen. Und die Chancen für Unternehmensgründer, die für die FDP ein großes Thema sind, spätestens seitdem Parteichef Lindner im Düsseldorfer Landtag gegen die mangelnde Risikobereitschaft wetterte und darüber für ein paar Tage zum Youtube-Star wurde.

          Keine wirkliche sozialliberale Koalitionsoption

          Da Bremen nicht Berlin ist, sind Internetfirmen mit Risikokapital aus dem Silicon Valley schwer zu finden. Also führt Steiner den Reporter zu einer Firma, die im Internet mit Produkten auf Chili-Basis handelt. „Fifteen Shades of Pain“ lautet der neueste Werbespruch, und vielen Kunden kann es in der Tat gar nicht scharf genug sein. Die besten Kunden seien Männer zwischen 24 und 59 Jahren, berichtet einer der Jungunternehmer. Das ist ziemlich genau die Zielgruppe der FDP. Als ihn die Kandidatin nach schlechten Erfahrungen mit der Mindestlohn-Bürokratie fragt, muss er jedoch passen: Damit hatte er bislang noch kein Problem.

          Ein Risiko-Unternehmen ist freilich auch Steiners Wahlkampf geworden. Als sie im vorigen Jahr für die Aufgabe zusagte, war dabei noch nichts zu verlieren. Niemand rechnete im Ernst damit, dass die FDP ausgerechnet in der Bremer Diaspora an ihrem Wiederaufstieg arbeiten könnte. Seit dem unerwarteten Erfolg in Hamburg ist die Fallhöhe größer geworden. Aber in Bremen, wo die SPD längst mit starken Grünen regiert, hat die FDP, anders als in der größeren Nachbarstadt, keine wirkliche sozialliberale Koalitionsoption, und ein traditionelles FDP-Milieu ist allenfalls in Restbeständen vorhanden. An den Kaffee mit dem älteren Herrn wird Steiner bis zum Wahlabend noch manches Mal zurückdenken.

          Die Person

          Lencke Wischhusen wurde 1985 in Bremen geboren. Nach dem Abitur machte sie eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau und absolvierte parallel einen Masterstudiengang in Business Administration. Beim Verband „Die Jungen Unternehmer“ war sie zunächst auf Kreis- und Landesebene aktiv, im Jahr 2012 wurde sie in einer Kampfabstimmung zur Bundesvorsitzenden gewählt. Voriges Jahr heiratete sie den Siegener Geschäftsmann Philippe Steiner, der aus einer traditionsreichen Unternehmerfamilie stammt und auf dem gemeinsamen Familiennamen bestand. Bei der Bremer Bürgerschaftswahl am 11. Mai kandidiert sie als parteilose Spitzenkandidatin für die FDP.

          Das Unternehmen

          Der Bremer Verpackungsgroßhandel „W-Pack“ wurde 1961 unter dem Namen „Wolter & Sohn“ gegründet und 2002 von Dieter Wischhusen übernommen. Seit 2008 arbeitete seine Tochter Lencke in dem Betrieb, seit 2010 ist sie als geschäftsführende Gesellschafterin auch Mitinhaberin und kümmert sich vor allem um die Kundenkontakte. Neben Folien und Klebebändern vertreibt die Firma vor allem Verpackungen für Lebensmittel wie zum Beispiel Schalen für Obst, Gemüse oder Fleisch. Auch Tüten für Metzgereien und Bäckereien oder Einweggeschirr für Imbisse sind im Programm. Das Unternehmen hat rund 50 Beschäftigte und setzt im Jahr ungefähr 15 Millionen Euro um.

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