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Lencke Steiner im Porträt : Die Verpackungskünstlerin der FDP

Seit dem vorigen Jahr tritt Steiner auch in einer Fernsehshow auf. „Die Höhle der Löwen“ heißt die Sendung auf Vox, gemeinsam mit vier anderen Juroren bewertet die Unternehmerin junge Start-up-Firmen, in die sie bei Wohlgefallen auch investiert. Einer der beiden Drehbuchautoren arbeitet jetzt im Wahlkampf als Steiners Medienberater. Weil sie manche Gründer so kühl abkanzelte und mit ihren schicken Klamotten reichlich abgehoben wirkte, wurde Steiner in Internetforen als arrogante Erbin beschimpft - zumal sie im vorigen Sommer einen Mann heiratete, der gleichfalls ein ererbtes Familienunternehmen führt und weltweit Öl- und Gasanlagen vertreibt. Deshalb hat sich das Paar für die Wochenenden eine gemeinsame Wohnung in Frankfurt genommen. Um das Jetset-Image abzustreifen, erscheint sie zum Fototermin jetzt lieber in Jeans.

Für ein paar Tage Youtube-Star

Als Chefin der „Jungen Unternehmer“ hat Steiner zuletzt die große Koalition in Berlin scharf kritisiert, das macht sie selbstverständlich auch als FDP-Wahlkämpferin. Sie schimpft über die Rente mit 63 und sagt: „Ich fühle mich als Unternehmerin und junge Frau nicht mehr repräsentiert.“ Aber das sind keine Dinge, über die in der Bremer Bürgerschaft entschieden wird. Und die maroden Finanzen des kleinen Bundeslandes sind ein heikles Thema, weil dann schnell der Ruf nach dessen Auflösung ertönt. Und damit mag in der lokalpatriotischen Hansestadt auch die FDP nicht antreten, für die das eigentlich ein schönes Thema wäre. Die „Freiheit Bremens“ sei ein hohes Gut, sagt Steiner dann ganz schnell. Sparen könne man auch an anderer Stelle, etwa durch die Privatisierung landeseigener Betriebe.

So sind es vor allem zwei Themen, auf die sie immer wieder zu sprechen kommt. Zum einen die Bildungspolitik, die im Wahlprogramm auf dem ersten Platz steht und immer gut kommt, um als Oppositionspartei die Landesregierung anzugreifen. Und die Chancen für Unternehmensgründer, die für die FDP ein großes Thema sind, spätestens seitdem Parteichef Lindner im Düsseldorfer Landtag gegen die mangelnde Risikobereitschaft wetterte und darüber für ein paar Tage zum Youtube-Star wurde.

Keine wirkliche sozialliberale Koalitionsoption

Da Bremen nicht Berlin ist, sind Internetfirmen mit Risikokapital aus dem Silicon Valley schwer zu finden. Also führt Steiner den Reporter zu einer Firma, die im Internet mit Produkten auf Chili-Basis handelt. „Fifteen Shades of Pain“ lautet der neueste Werbespruch, und vielen Kunden kann es in der Tat gar nicht scharf genug sein. Die besten Kunden seien Männer zwischen 24 und 59 Jahren, berichtet einer der Jungunternehmer. Das ist ziemlich genau die Zielgruppe der FDP. Als ihn die Kandidatin nach schlechten Erfahrungen mit der Mindestlohn-Bürokratie fragt, muss er jedoch passen: Damit hatte er bislang noch kein Problem.

Ein Risiko-Unternehmen ist freilich auch Steiners Wahlkampf geworden. Als sie im vorigen Jahr für die Aufgabe zusagte, war dabei noch nichts zu verlieren. Niemand rechnete im Ernst damit, dass die FDP ausgerechnet in der Bremer Diaspora an ihrem Wiederaufstieg arbeiten könnte. Seit dem unerwarteten Erfolg in Hamburg ist die Fallhöhe größer geworden. Aber in Bremen, wo die SPD längst mit starken Grünen regiert, hat die FDP, anders als in der größeren Nachbarstadt, keine wirkliche sozialliberale Koalitionsoption, und ein traditionelles FDP-Milieu ist allenfalls in Restbeständen vorhanden. An den Kaffee mit dem älteren Herrn wird Steiner bis zum Wahlabend noch manches Mal zurückdenken.

Die Person

Lencke Wischhusen wurde 1985 in Bremen geboren. Nach dem Abitur machte sie eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau und absolvierte parallel einen Masterstudiengang in Business Administration. Beim Verband „Die Jungen Unternehmer“ war sie zunächst auf Kreis- und Landesebene aktiv, im Jahr 2012 wurde sie in einer Kampfabstimmung zur Bundesvorsitzenden gewählt. Voriges Jahr heiratete sie den Siegener Geschäftsmann Philippe Steiner, der aus einer traditionsreichen Unternehmerfamilie stammt und auf dem gemeinsamen Familiennamen bestand. Bei der Bremer Bürgerschaftswahl am 11. Mai kandidiert sie als parteilose Spitzenkandidatin für die FDP.

Das Unternehmen

Der Bremer Verpackungsgroßhandel „W-Pack“ wurde 1961 unter dem Namen „Wolter & Sohn“ gegründet und 2002 von Dieter Wischhusen übernommen. Seit 2008 arbeitete seine Tochter Lencke in dem Betrieb, seit 2010 ist sie als geschäftsführende Gesellschafterin auch Mitinhaberin und kümmert sich vor allem um die Kundenkontakte. Neben Folien und Klebebändern vertreibt die Firma vor allem Verpackungen für Lebensmittel wie zum Beispiel Schalen für Obst, Gemüse oder Fleisch. Auch Tüten für Metzgereien und Bäckereien oder Einweggeschirr für Imbisse sind im Programm. Das Unternehmen hat rund 50 Beschäftigte und setzt im Jahr ungefähr 15 Millionen Euro um.

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