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Bremer CDU-Kandidatin : Ausbruch aus der Welt der Rüschenblusen

Christdemokratin im Kapuzenpulli: die Bremer Spitzenkandidatin Elisabeth Motschmann auf dem Marktplatz Bild: Patrick Slesiona

Grelle Turnschuhe, lässiger Kapuzenpulli: Elisabeth Motschmann will die politische Veränderung, die sie anstrebt, auch verkörpern. Der Wandel wird vor allem an ihrer eigenen Biografie deutlich.

          4 Min.

          Mit norddeutschem Volksfestflair umgarnt die CDU die Wählerschaft auf dem Bremer Marktplatz. Im Angebot sind Kaffee, Bier und Seemannslieder. Es sind keine Menschenmassen, die dafür ihren Samstagseinkauf unterbrechen. Aber immerhin so viele, dass die CDU-Spitzenkandidatin nicht sofort zu sehen ist. „Achten Sie auf die Schuhe“, rät ein Herr. Und tatsächlich: Zwischen den blauen Hosen der älteren Herren vom Shantychor kreischt etwas Neongrelles heraus.

          Reinhard Bingener
          (bin.), Politik

          Elisabeth Motschmann trägt Turnschuhe, die farblich an die Zeiten von Tim Wiese im Tor von Werder Bremen erinnern. Dazu einen Pullover mit der Aufschrift „#motschimachts“ auf dem Rücken, dessen Kapuze sich Motschmann über den Kopf gezogen hat.

          Hier ist offensichtlich jemand bereit, einen hohen Preis dafür zu bezahlen, um von seinem alten Image loszukommen. Den Bremern soll klargemacht werden, dass Elisabeth Motschmann aus der Welt der Rüschenblusen und Seidenhalstücher ausgebrochen ist. Der neue Geist späht bei Motschmann allerdings nicht erst seit ihrer Nominierung zur Spitzenkandidatin im Herbst herein. Die Theologin und frühere Springer-Journalistin hat bereits vor einigen Jahren damit begonnen, die Zugbrücken ihrer konservativen Trutzburg herunterzulassen, von der aus sie zuvor über Jahre Feminismus, Sozialismus und andere Weltirrtümer befehdete.

          Die 62 Jahre alte geborene Baronesse von Düsterlohe setzte sich für eine gesetzliche Frauenquote ein und forderte 2009 die Zulassung von Frauen zur traditionellen Bremer Schaffermahlzeit. Nun will sie dafür sorgen, dass bis Sonntag auch jeder in Bremen davon mitbekommt.

          CDU holte 2011 gut 20 Prozent

          In den jüngsten beiden Umfragen vor der Wahl am Sonntag kommt die CDU auf 22 und 23 Prozent. Das ist immerhin etwas mehr als die 20,4 Prozent bei der Bürgerschaftswahl 2011, vor allem aber ist es deutlich mehr als die desaströsen 15,9 Prozent der Hamburger CDU vor drei Monaten. Aber auch nach der Bremen-Wahl wird wieder gesprochen werden über das allgemeine Problem der Union, in den Großstädten zu überzeugen.

          Die Kandidatur Motschmanns wirft allerdings vor allem ein Schlaglicht auf die sehr spezifischen Probleme der bremischen CDU, in Bremen zu überzeugen. In dem kleinen Zwei-Städte-Staat präsentiert sich die Partei seit Jahr und Tag als zerstrittener Haufen. Vor und nach der Bürgerschaftswahl 2011 etwa befehdeten sich die Unterstützer der damaligen Spitzenkandidatin Rita Mohr-Lüllmann mit dem Lager um den CDU-Fraktionsvorsitzenden Thomas Röwekamp. Mohr-Lüllmann lebt mittlerweile in Bayern und gehört der CSU an. An der Pattsituation zwischen den eigentlich Mächtigen in der Bremer CDU hat das aber wenig geändert.

          An der Spitzenkandidatur 2015 zeigten so weder der Fraktionsvorsitzende Röwekamp, in der großen Koalition einst Innensenator, noch der Landesvorsitzende Jörg Kastendiek, einst Wirtschaftssenator, Interesse. Eine Kandidatur des einstigen Bausenators Jens Eckhoff stieß bei der Bremerhavener CDU auf scharfe Ablehnung. In dieser verfahrenen Situation einigte sich die Partei auf den früheren Staatsrat Thomas vom Bruch als Kandidaten. Der allerdings musste aus gesundheitlichen Gründen einen Rückzieher machen. In der Not kam die Partei auf Motschmann.

          Die politischen Wurzeln der Bremer Bundestagsabgeordneten liegen eigentlich in Schleswig-Holstein. Nach Bremen kam sie 1987, als ihr Ehemann Jens Motschmann die Pfarrstelle in der Innenstadtkirche St. Martini erhielt. In der Bremischen Evangelischen Kirche bildet die glaubensstrenge Gemeinde seit jeher einen eigenen Kosmos. Anfang dieses Jahres kam die Kirchengemeinde bundesweit in die Schlagzeilen, weil Jens Motschmanns Nachfolger Olaf Latzel in einer Predigt über andere Glaubensrichtungen herzog, über den „Reliquien-Dreck“ der Katholiken und den „Blödsinn“ des islamischen Zuckerfestes. Die Angelegenheit entwickelte sich zum Politikum, Bürgerschaft und Landeskirche distanzierten sich in einer Erklärung von dem Pastor.

          CDU tritt ausgesprochen geschlossen auf

          Für die Kandidatur Elisabeth Motschmanns war es ein Glück, dass Latzel in besagter Predigt seinen Amtsvorgänger namentlich angriff, weil dieser sich mittlerweile für Begegnungsstätten zwischen Christen und Muslimen ausspricht. In den siebziger Jahren war Motschmann noch Wortführer eines scharf konservativen Flügels in der evangelischen Kirche, der sich in einer stark politisierten Situation dem damaligen Siegeszug des Linksprotestantismus in den Weg zu stellen versuchte. Mit Werken wie dem „Rotbuch Kirche“ ist Motschmann dabei selbst zu einem kleinen Stück Kirchengeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts geworden.

          Nun steht der 72 Jahre alte, hochaufgeschossene Mann auf dem Bremer Marktplatz und schaut mit gelassener Distanz dabei zu, wie seine Ehefrau die potentielle Wählerschaft mit ihren pinken Turnschuhen umwirbt. Auch auf die Sache mit seinem Nachfolger blickt Jens Motschmann mit Heiterkeit. „Da bin sogar ich zu liberal – das habe ich auch noch nicht erlebt.“

          Seine Ehefrau verabschiedet den Shantychor und flicht in ihre Dankesworte ein wenig Wahlkampf mit ein. „Wir haben eine tolle Mannschaft, sind ein tolles Team – und ich finde, ich bin auch eine tolle Spitzenkandidatin.“ In Anbetracht der Wirren vor Motschmanns Nominierung präsentiert sich die Union derzeit tatsächlich halbwegs geschlossen nach außen.

          Selbstdarstellung: ein CDU-Plakat zur Bürgerschaftswahl in Bremen
          Selbstdarstellung: ein CDU-Plakat zur Bürgerschaftswahl in Bremen : Bild: dpa

          Geärgert hat sich Motschmann allerdings über eine Pressemitteilung der Bremer CDU, in der Jens Eckhoff forderte, dass es Schaustellern der Osterwiese auch am Karfreitag möglich sein sollte, das Volk zu belustigen. Elisabeth Motschmann mag sich gewandelt haben, das Bewusstsein für den Markenkern ihrer Partei ist ihr dabei nicht abhandengekommen.

          Dem Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen allerdings hat Motschmann im Wahlkampf mehrfach bedeutet, dass die Union ihm weit entgegenkommen würde, wenn Böhrnsen seine Sozialdemokraten zurück in eine Koalition mit der CDU führen würde. „Diese Stadt wird schlecht regiert, das können wir besser hinkriegen“, sagt Motschmann zwar, doch das zielt vor allem auf die Grünen. Ihnen war es 2011 gelungen, die Union als zweitstärkste Kraft abzulösen.

          Am Sonntag dürfte sich das Kräfteverhältnis in der Bürgerschaft wieder umdrehen. Böhrnsen hat allerdings bereits deutlich zu erkennen gegeben, dass er das Regierungsbündnis mit den Grünen fortzusetzen gedenkt. Die Erwartung eines Wechsels ist daher auch in der Union nicht sonderlich ausgeprägt, lediglich für den Fall, dass Rot-Grün am Sonntag in der Summe mehr als zehn Prozentpunkte einbüßt, gibt es die vage Hoffnung auf ein Umschwenken der SPD.

          Und sollte alles so bleiben, wie es ist, könnte sich auch die CDU die Mühen einer Neusortierung ersparen. Und genau darin liegt auch der tiefere Sinn der Kandidatur Motschmanns. Ihre Niederlage tut niemandem weh, nicht einmal ihr selbst. Die Bundestagsabgeordnete hat zwar angekündigt, nach der Wahl für ein herausgehobenes Amt in Bremen zur Verfügung zu stehen. Beobachter wie Beteiligte gehen in der Mehrzahl jedoch davon aus, dass Motschmann in Berlin bleibt. Von den Bremer CDU-Granden müsste so niemand um sein Revier fürchten.

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