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Der Bremer Wahlabend : Die Hochburg der SPD zeigt Risse

(Wieder) auf dem Weg in die Bremische Bürgerschaft: Jens Böhrnsen, Bürgermeister und Spitzenkandidat der SPD zur Bürgerschaftswahl, am Sonntag mit seiner Frau in bremen Bild: Daniel Pilar

Die SPD bleibt in Bremen die mit Abstand stärkste Kraft. Doch konnte auch ihr Spitzenkandidat nicht über die Misere der Stadt hinwegtäuschen. Bei der Opposition herrscht Erleichterung – auch wenn das offizielle Endergebnis aufgrund eines Stromausfalls noch nicht feststeht.

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          Henning Scherf war ein Sinnbild bremischer Politik. Menschen, die ihm begegneten, wurden von dem hoch aufgeschossenen Sozialdemokraten im Zweifel einfach umarmt. Als Bürgermeister Bremens stand Scherf von 1995 bis 2005 damit für eine SPD, die Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft ansprach. Kaufleute, Intellektuelle, Einwanderer – die Bremer SPD vermochte es, eine Klammer um sie zu bilden. Sie hat in Bremen einen Konsens gemauert, den bisher niemand durchbrechen konnte. Nun sind die Risse in diesem Gebäude so offenkundig wie noch nie.

          Justus Bender
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Die 33 Prozent der ersten Prognose erschüttert das Selbstbewusstsein der Bremer SPD bis ins Mark. Der Landesverband, seit 70 Jahren an der Macht, stürzt damit dem Niveau der Bundes-SPD entgegen. Bestätigt sich diese Prognose, hätten die Sozialdemokraten sogar ihr bisher schlechtestes Ergebnis von 33,4 Prozent aus dem Jahr 1995 unterboten. Die in einer Kölsch-Kneipe versammelten Genossen quittieren den angezeigten Verlustbalken mit einem kaum hörbaren Raunen. Zwar bleibt die SPD die mit großem Abstand stärkste Partei in Bremen. Gegen sie kann auch weiterhin keine Regierung gebildet werden. Doch die alte Selbstgewissheit dürfte nun verloren sein. Vielleicht für immer.

          Böhrnsen: Mehrheit ist Mehrheit

          Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen tritt später als die anderen Spitzenkandidaten vor seine Anhänger. Die Genossen spenden ihm Applaus. „Das tut gut“, sagt Böhrnsen. Der Bürgermeister spricht von einem „bitteren Wahlabend“ und „heftigen Verlusten“. Die Enttäuschung ist ihm anzusehen. In den vergangenen zehn Jahren ist es Böhrnsen gelungen, wie sein Vorgänger Scherf zum Sinnbild bremischer Politik zu werden. Seine unaufgeregte, ausgleichende Art wird im Zwei-Städte-Staat als wohltuend empfunden. Die SPD spielte dieses Image im Wahlkampf als Trumpfkarte. Es war die einzige, die ihr geblieben war. Doch auch Böhrnsen konnte die Bremer offenbar nicht mehr über die Misere ihrer Stadt hinwegtäuschen.

          Die Frage der kommenden Tage wird sein, was aus dem Abschneiden der SPD politisch folgt. Böhrnsen kündigt an, man werde sich das Ergebnis „in den nächsten Tagen genauer ansehen müssen“, um zu sehen, wo die „Felder“ seien, in denen der SPD „nicht mehr so viel zugetraut wird“. Klare Bekenntnisse zu Rot-Grün vermeidet Böhrnsen zunächst. „Wenn die AfD drin ist, wird man sich das genau ansehen müssen.“ Dann wird es knapp für Rot-Grün, das bisher in der Bürgerschaft über eine komfortable Zweidrittelmehrheit verfügte.

          Gibt es für Böhrnsen eine untere Grenze, wie knapp es werden darf? Ein Sitz? Zwei Sitze? Böhrnsen zögert kurz. „Mehrheit ist Mehrheit“, sagt er. Innere Zweifel an Rot-Grün gab es in der Bremer SPD bisher kaum, dafür ist das Verhältnis zur CDU zu schlecht. Die kommenden Tage und Wochen werden zeigen, wie festgefügt die Stimmungslage in der SPD tatsächlich ist.

          Grüne trösten sich mit Blick auf die SPD

          Die Grünen können sich zumindest am Wahlabend damit trösten, dass ihr Koalitionspartner die noch herbere Niederlage hinnehmen musste. Der Einbruch der Grünen war auch so schon erwartet worden. Es war klar, dass man die 22,5 Prozent aus der Nach-Fukushima-Wahl im Mai 2011 nicht wiederholen würde. Innerparteilich ist die Situation bei den Grünen allerdings deutlich angespannter als in der SPD. In der Partei gibt es tiefe Gräben. Im Wahlkampf haben die Kandidaten vor allem für sich selbst geworben, um sich mit Hilfe des Bremer Wahlrechts doch noch auf einen Sitz in der Bürgerschaft zu retten. Nun sind noch mehr Sitze verloren gegangen als erwartet. Sollte Rot-Grün fortgesetzt werden, könnten die bisherigen grüne Senatoren zur Disposition stehen.

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