https://www.faz.net/-gpf-9qqak

AfD in Brandenburg : „Der Kampf geht jetzt erst los“

„Ja, ich gebe zu, wenn wir Nummer eins geworden wären, wäre es noch schöner“: Alexander Gauland am Sonntagabend in Werder/Havel Bild: dpa

Auf ihrer Wahlparty ist die AfD in Brandenburg im „Siegestaumel“. Dass sie doch nicht vor der SPD gelandet ist, kann den Jubel nicht schmälern. Und Björn Höcke zieht Vergleiche zur Revolution von 1989.

          3 Min.

          Schon vor der offiziellen Bekanntgabe der ersten Prognose lässt einer der Organisatoren der Brandenburger AfD-Wahlparty keinen Zweifel daran, dass es ein guter Abend für seine Partei werden wird. „Herzlich willkommen, dass Sie bei dieser Wahlparty sind – und zwar bei den Gewinnern dieser Wahl, egal ob wir stärkste Kraft werden oder nicht“, sagt er. Das war das erklärte Wahlziel der Partei: die stärkste Kraft in Potsdam zu werden.

          Kurz bevor um 18 Uhr schließlich die bunten Balken auf der Leinwand erscheinen, sind Dutzende Kameras und noch mehr Mikrofone auf den Brandenburger AfD-Spitzenkandidaten Andreas Kalbitz gerichtet. An einem der Stehtische beugt sich ein Mann zu seiner Nachbarin und sagt: „Wenn da so eine Traube Journalisten aufläuft, da muss doch was sein.“ Kurz darauf brechen die Parteimitglieder in dem großen, mit Stuck verzierten Saal auf der Bismarckhöhe in Werder an der Havel in frenetischen Jubel aus.

          Die SPD hat die Nase vorn, aber die AfD hat kräftig zugelegt. Kalbitz fällt seinem Parteifreund Björn Höcke in die Arme. Höcke ist AfD-Vorsitzender in Thüringen und steht gemeinsam mit Kalbitz an der Spitze des rechtsradikalen „Flügels“ der Partei. „Kalbitz, Kalbitz“, skandiert die Menge. Doch der sagt: „Es ist nicht Kalbitz, es ist die AfD.“ Die AfD sei gekommen, um zu bleiben. Was er danach sagt, geht unter im Jubel der Gäste, die sich kaum beruhigen können. „Wir haben hervorragende Arbeit geleistet“, sagt Kalbitz. Auch wenn er sich, wie er fast nebenbei anmerkt, als „Sahnehäubchen“ gewünscht habe, stärkste Kraft zu werden.

          Auch Höckes Stimmung ist am Wahlabend nicht getrübt, wie er im Gespräch mit der F.A.Z. erkennen lässt. Dass die AfD ihr Ziel nicht erreicht hat, schreibt er – wie viele in der AfD – den Medien zu, die seine Partei lange Zeit ungerecht behandelt hätten. Der Thüringer AfD-Vorsitzende bemüht sogar historische Kategorien. „Das ist eine friedliche Revolution an der Wahlurne, die wir heute Abend erlebt haben“, sagt er.

          Als Kalbitz sich auf den Weg ins zehn Kilometer entfernte Potsdam gemacht hat, tritt noch einmal der Organisator ans Mikro, der zuvor die Gäste begrüßt hat. Der Ton der ARD-Sendung wird dazu abgedreht. Gerade wird dort Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) interviewt. „Ich glaube, den Mann brauchen wir nicht hören“, sagt der Organisator. Stattdessen hören die Menschen im Saal nun ihn: „Das Wahl-Ergebnis ist extrem geil und das Buffet ist eröffnet.“ Da strömen dann auch alle hin. Zu diesem Zeitpunkt ist etwas mehr als die Hälfte der 330 geladenen Gäste anwesend.

          Gauland: „Wir sind die große bürgerliche Opposition“

          Später wird es noch einmal kurz offiziell. Alexander Gauland, der Ko-Vorsitzende der AfD, ist gekommen. Das sei ein toller Erfolg, sagt Gauland den Gästen auf der Bismarckhöhe – und fügt hinzu: „Ja, ich gebe zu, wenn wir Nummer eins geworden wären, wäre es noch schöner.“ Er zeichnet von der AfD das Bild einer bürgerlichen Partei: „Wir sind in Brandenburg die große bürgerliche Opposition.“ Mit der CDU sei es vorbei. Oft sei er nach Flügeln und der Einheit der Partei gefragt worden, sagt Gauland dann und erklärt, es gebe nur eine AfD, und die halte zusammen. „AfD, AfD“, rufen jetzt die Leute im Saal. Im Bemühen um ein moderates Erscheinungsbild der Partei bittet Gauland die Mitglieder schließlich, sich im „Siegestaumel“ vernünftig zu verhalten.

          Von den AfD-Anhängern in Brandenburg gefeiert: Spitzenkandidat Andreas Kalbitz

          Gauland bedauert den umstrittenen Brandenburger Spitzenkandidaten Andreas Kalbitz, der viel habe aushalten müssen. Doch für Hakenkreuze gebe es keine Belege, sagt er in Anspielung auf einen „Spiegel“-Artikel, in dem von einer Teilnahme Kalbitz' an einem rechtsextremen Aufmarsch 2007 in Athen berichtet wurde. Demnach übernachtete Kalbitz damals zusammen mit 13 anderen deutschen Rechtsextremen, darunter NPD-Chef Udo Voigt, in einem Hotel. Dabei soll die Gruppe auf dem Balkon des Hotels eine Hakenkreuzfahne gehisst haben. Kalbitz hat gegenüber dem „Spiegel“ eingestanden, damals in Athen dabei gewesen zu sein. An den betreffenden Vorgängen sei er aber nicht beteiligt gewesen, und auch von dem Marsch distanziert er sich nachträglich. Dieser sei „nicht dazu angetan“ gewesen, „mein weiteres Interesse oder Zustimmung zu wecken, weder in der politischen Zielsetzung noch in der Zusammensetzung der Teilnehmer“, sagte er dem „Spiegel“.

          Zufrieden mit sich

          Leider könne er nicht länger bleiben, sagt Gauland gegen Ende seiner Ansprache. „Ich muss mich noch mit Anne Will rumplagen.“ Bevor er geht, hat er noch eine Botschaft für die AfD-Anhänger im Saal. Der Kampf sei nicht zu Ende. „Der Kampf geht jetzt erst los.“

          Bald wird es leer im Saal. Draußen stehen zufriedene Wahlkämpfer beim Bier auf der Terrasse. Gegen 21 Uhr ehrt die Partei Julia, Anna und Franz, die sich beim Wahlkampf um Zuckerwatte und Kinderschminken gekümmert haben. Die Kommentaren und Interviews der Fernsehsendung, die bislang auf der Großleinwand zu sehen war, löst jetzt Partymusik ab. An diesem Abend ist die AfD in Brandenburg zufrieden mit sich.

          Weitere Themen

          Studenten verlassen Uni in Hongkong Video-Seite öffnen

          Gerüchte über Ausgangssperre : Studenten verlassen Uni in Hongkong

          Aus Angst vor weiteren Gewalttaten verließen die ersten Studierenden den Campus der Uni. Die Kurse würden nach Angaben einer Studentin größtenteils nur noch online stattfinden. Auf dem Festland sei es grade sicherer, sagt sie.

          Topmeldungen

          Wahl in Nordirland : Selbst die Grenze hat eine Stimme

          In Nordirland hilft nur noch Galgenhumor: Die britische Provinz fühlt sich von allen Seiten verkauft. Die bitterste Ironie ist die Zwickmühle, in die Boris Johnson die nordirischen Konservativen gebracht hat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.