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Wahl in Berlin : Niemand lacht mehr über die CDU

  • -Aktualisiert am
Starker Auftritt, schwache Aktion: CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel im Berliner Tierpark

Doch ist richtig, dass die Stadt Berlin in den vergangenen fünf Jahren vom Glück verfolgt wurde: Die Steuereinnahmen wuchsen, die Einwohnerzahl und die Zahl der Arbeitsplätze auch, Berlin ist populär. Ob es allerdings einen kausalen Zusammenhang zwischen Politik und dieser positiven Entwicklung gibt, wie im Wahlkampf gern behauptet wird, ist weder zu beweisen noch zu widerlegen.

Über die Wahlplakate der CDU zu lachen bietet sich an. Doch entfalten sie selbst dann eine suggestive Wirkung, wenn der Betrachter weiß, dass die Berliner Union ihre Regierungszeit mehr oder weniger deaktiviert verbracht hat. „Starkes Berlin“ steht darauf, und dazu schaut Henkel zufrieden. So ist man geistig in den Wirtschaftswunderjahren, und Adenauers Slogan „Keine Experimente“ wird gleich mit recycelt. Der Begriff „sicher“ wird penetrant häufig verwendet. Auf einem Plakat sieht man nette junge Leute mit der Devise: „Sicher feiern“. Als indirekte Reaktion auf diffuse Ängste vor dem Fremden, dem Unbekannten, dem Befürchteten ist das durchaus effektvoll. Könnte durchaus sein, dass „stark“ und „sicher“ als Abwehrzauber gegen die AfD gut funktionieren.

Die CDU scheint nicht sicher zu sein, dass sie selbst „stark“ aus der Wahl hervortreten wird. Angela Merkel setzt sie bemerkenswert sparsam ein. Flüchtlingspolitisch benimmt sich Henkels Union seltsam uneigentlich, so wie seinerzeit die märkische CDU im Brandenburger Wahlkampf, als Hartz IV die Stimmung prägte. In einem gesellschaftspolitischen Konflikt zu versuchen, abseits zu stehen und keine Meinung zu haben, zahlt sich für Wahlkämpfer selten aus. Merkel darf auftreten, aber weit weg vom Schuss, am Mittwoch vor dem Wahlsonntag, in Lichterfelde-Ost. Und Henkel wettert gelegentlich gegen das Burka-Tragen und mag die doppelte Staatsbürgerschaft nicht.

So wollen die Deutschen wählen F.A.Z.-Wahlbarometer: So wollen die Berliner wählen © F.A.Z. Interaktiv 

Wenn er über die AfD spricht, schimpft Henkel: Sie „verrät alles, was Deutschland stark gemacht“ habe. Doch das „christliche Menschenbild“, das er für die Union reklamiert, verleitet ihn keineswegs dazu, über Flüchtlinge, Fremde, Muslime ähnlich zu sprechen wie die evangelischen und katholischen Bischöfe.

Die Linke, hegemoniale Kraft im Osten? Das war einmal

Sein Wahlkampf wäre durchaus als Offerte an die Grünen zu werten. Auch die Weiterführung der großen Koalition hat er nicht abgeschrieben. Volker Bouffier, der hessische Ministerpräsident, hielt als „Grünen-Versteher“ eine sympathische, warmherzige Rede auf einem ansonsten faden Parteitag. Das Parteivolk ließ es sich bieten, im abgedunkelten Kinosaal zu sitzen, während das verfilmte Wahlprogramm über die Leinwand flimmerte, immer wieder Henkel zeigend, und diverse Reden gehalten wurden. Und Henkel trat mit Ole von Beust auf, der Hamburg einst schwarz-grün regierte. Die schwarz-grünen – oder grün-schwarzen? – Gesten wirken allerdings zu fahrig und lieblos, um als ernsthafte Koalitionswünsche gewertet zu werden.

Auch in der Hauptstadt wird nicht nur über lokale Politik, sondern gleichzeitig über sie abgestimmt: Henkel Anfang September mit Bundeskanzlerin Merkel im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin

Im Nordosten Berlins, wo früher die PDS hegemoniale Kraft war, hängen AfD-Plakate neben NPD-Plakaten und solchen von Alfa. Und es wirbt ein schön fotografierter Mensch namens Christian Gräff mit dem Slogan „Zuhause. Bewahren und Gestalten“. Den Namen der Partei, für die er Stadtrat für Wirtschaft und Stadtentwicklung im Bezirk Marzahn-Hellersdorf ist, verschweigt er. Unauffällig bleiben schien das Gebot der CDU in der zu Ende gehenden Wahlperiode zu sein. Erst im Wahlkampf zeigten ihre Leute sich. So verblüfften etwa ihre Bildungspolitiker, als sie im Wahlkampf gemeinsam auftraten und ihre Vorstellungen von einer sinnvollen Schulsanierung kundtaten. Man war versucht sie zu fragen, unter welchem Stein sie die vergangenen Jahre verbracht hatten.

Rivalen: Henkel mit Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (M.) und der Spitzenkandidatin der Grünen Ramona Pop

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