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Wahl in der Hauptstadt : Det is Balin

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Über dem Tal des S-Bahn-Rings: Um das „Kanaan“ (rechts) bereitet sich das ehemalige Ende der Welt aus - und der Anfang einer neuen. Bild: Jens Gyarmaty

Die Hauptstadt ist keine schöne Stadt. Aber sie ist echt. Stetig entwickelt sie sich weiter. Die vielen Flüchtlinge haben sie sichtlich auf die Probe gestellt. Eindrücke aus Berlin vor der Wahl.

          8 Min.

          Himmel und Hölle von Berlin kann man im Sitzen sehen, riechen, hören. In der Ringbahn, mit der man seit 2002 wieder um die Innenstadt herumfahren kann, erlebt man Glücksmomente der Stadt und die vielen Tiefpunkte dieser Stadt. 37 Kilometer, eine Stunde Fahrtzeit, Umsteigemöglichkeiten zu fast allen U-Bahnen und S-Bahnen, freie Blicke auf gute und schlechte Wohnquartiere, eine halbe Million Passagiere am Tag.

          In der S-Bahn fahren die Ungewaschenen und die gepflegten Flugbegleiter in Uniform. Die mit der Export-Bier-Flasche in der Hand und die ihre Füße mit (den aktuellsten Marken-)Schuhen auf die Sitzbank gegenüber legen.

          Die jungen Migranten, die sich in der Gruppe stark fühlen und den Getto-Blaster aufdrehen, und die zarten Männer aus der Ferne, die selbst nicht so klapprigen Damen ihren Sitzplatz anbieten.

          Berlin ist nicht schön, sondern echt

          Herrlich, in einer Art Tal durch die Berliner Landschaft zu fahren, hier Moabit im milden Abendlicht, da die roten Türme des alten Klinikums Westend. Blicke in enge Höfe, üppig blühende Kleingartenanlagen, über die Weite der Tempelhofer Feldes hin.

          Auf dem Kurfürstendamm kann man aussteigen oder an der Sonnenallee, in Prenzlauer Berg oder dort, wo zu Mauerzeiten das Regierungszentrum von Berlin (West) war, in Schöneberg.

          Berlin ist keine schöne Stadt. Doch sobald es grünt, ist sie, von der Ringbahn aus gesehen, wie eine richtige Stadt, eine, die schon lange groß ist. Oft aber kann man gar nicht erst einsteigen. „Verzögerungen im Betriebsablauf“, eine „Havarie“, ein „Notarzteinsatz“ oder ein „Polizeieinsatz“ verhindern, dass auf dem Ring der Verkehr rollt.

          Manchmal heißt es nur lapidar: „Zug fällt aus“, und dann wird das leidgeprüfte Publikum mit Ansagen gequält, wie sie sich nur die Bahn ausdenkt: Es wird nicht gesagt, wann es weitergeht, sondern es werden von einer alles falsch betonenden Automatenstimme alle technischen Details fein säuberlich genannt, samt der planmäßigen Abfahrtzeit, die „um wenige Minuten“ verpasst werde. Auf dem Ring, das müssen die S-Bahn-Verantwortlichen zugeben, läuft es auch sieben Jahre nach der großen S-Bahn-Krise nicht wieder rund.

          Der Zustand der S-Bahn, für die Berlin der Deutschen Bahn viel Geld überweist, ist sinnbildlich für die ganze Stadt. Nicht weil ihre Regierenden Bürgermeister schuld an der jahrelangen Vernachlässigung wären; das ist die Bahn.

          Doch dass die Stadt nicht imstande ist, so etwas – durch gute Verträge, durch konsequente Kontrolle der Vereinbarungen, durch politischen Druck – abzustellen, „det is Balin“. Wer häufiger als gelegentlich auf der Ringbahn unterwegs ist, hasst alle aus voller Brust, die man vernünftigerweise für das Warten auf zugigen personalfreien Bahnsteigen oder für die lieblosen Ansagen verantwortlich machen könnte.

          Das gemütvollste Fest der Wahlperiode

          Berliner, die täglich auf die Ringbahn angewiesen sind, entwickeln ein gewisses Verständnis für Vandalen und andere Wutbürger. Das Glücksgefühl aber, wenn man den Zug erwischt, der einläuft, während man gerade die Treppe – die Aufzüge sind Pissoirs, die Rolltreppen häufig und lange defekt – herunterläuft, ist unbeschreiblich.

          Das gemütvollste Fest dieser Wahlperiode fand nicht im Roten Rathaus und in einer der „tollen Locations“ in Berlins Mitte statt, sondern an einem Montag Anfang Mai im Chinesischen Pavillon der „Gärten der Welt“ in Marzahn.

          Die Abendsonne überzog alles mit Glanz und Licht, in der Ferne sah man die Flugzeuge in Tegel starten und landen, es gab herrliches chinesisches Essen, alle waren bester Laune. Der Ehrengast der Party war Elmar Pieroth, der einige Zeit zuvor 80 Jahre alt geworden war. Pieroth, früherer Wirtschaftssenator in Berlin, hatte sich nach der Wiedervereinigung aufgemacht nach Marzahn, zur Talentsuche und zum Aufbau solider Parteistrukturen.

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