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Künasts Kandidatur : Was vom Aufbruch übrig blieb

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Es sah erst aus wie ein großes Duell: Künast gegen Wowereit. Doch dann sanken die Umfragewerte der Grünen - und mit ihnen der Glaube an einen Sieg in Berlin.

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          Aus der Bewerbung um das Amt der Regierenden Bürgermeisterin von Berlin ist für Renate Künast eine regelrechte Demutsübung geworden. Was vor einem Jahr wie eine Variation des SED-Traums vom „Überholen ohne Einzuholen“ wirkte, erwies sich als steiniger Weg: Nach zehn Jahren Rot-Rot hatten die Grünen die Stadt Berlin für reif gehalten, dem hier verbreiteten Lebensstil eine ökologische Großstadtpolitik abzugewinnen. Doch statt die grüne Hegemonie zu festigen, legte die Künast-Kampagne offen, dass das Ringen um den Kurs keineswegs entschieden ist. Kreuzberg oder Prenzlauer Berg, linksradikal oder bürgerlich, Opposition oder Regierung – unter Berliner Grünen sind das noch nicht ausgemachte Sachen.

          Während eines festlichen Auftritts im Kommunikationsmuseum erklärte die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag im November 2010 ihre Bereitschaft zu kandidieren. Tags drauf beschloss ihre Partei: „Wir wollen, dass Renate Künast Regierende Bürgermeisterin von Berlin wird“. „Von da an ging’s bergab“, sang Hildegard Knef, und seit dem Abend im Postmuseum kam es für die Grünen wirklich so. Jedenfalls in den Umfragen, die sanken von 30 Prozent auf inzwischen knapp zwanzig. Zehn Tage vor der Wahl erklärte Spitzenkandidatin Künast die Sache für erledigt. Während des „Duells“ mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) stellte sie unmissverständlich klar, die CDU komme als Koalitionspartner nicht in Frage, so dass die Grünen wohl allenfalls als Juniorpartner der SPD noch an die Macht kommen können.

          Renate Künast ist in Berlin bestens bekannt, sie war schließlich schon 1999 Spitzenkandidatin der Grünen – und holte 9,9 Prozent. Damals schien unvorstellbar, dass je ein Grüner Ministerpräsident werden könnte. Doch das ist in Baden-Württemberg passiert. Und in Hamburg regierte Schwarz-Grün, was ein klassisches Stadtstaatprojekt hätte sein können, eines für überschaubare Verhältnisse wie in Berlin. Aber damit ist es auch schon wieder vorbei, Schule hat Schwarz-Grün nicht gemacht. In Berlin ist kurz vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus das weit offene Feld, das vor den Grünen zu liegen schien, wieder eng geworden: „Ich werde meiner Partei nicht vorschlagen, in eine Koalition mit der CDU einzutreten“, sagte Frau Künast. Sie hätte hinzufügen können: Von jetzt an mache ich Wahlkampf aus Sportsgeist, nicht, weil ich einen Posten in der Landespolitik anstrebe.

          Künast mit dem anderen Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Jürgen Trittin, Ende August in Berlin
          Künast mit dem anderen Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Jürgen Trittin, Ende August in Berlin : Bild: dpa

          Ein „Opfer ihrer Sozialisation“?

          Aus der Kandidatur von Renate Künast für das Bürgermeisteramt wurde ein Festival der Küchenpsychologen: In ihr wohne „die ständige Unruhe, zu kurz zu kommen, die Angst, nicht ausreichend gewürdigt oder schlimmer: nicht wahrgenommen zu werden“, schrieb „Der Spiegel“, der sie als „Opfer ihrer Sozialisation“ schildert. Die „Tageszeitung“ fand: „Sie könnte längst still sein. Keiner will ihr diese Erfolge nehmen. Aber sie redet. Als hätte sie Angst vor einer Leere, die sich sonst auftut.“ Kein Porträt kommt ohne Schilderungen ihrer nervösen Ticks und des grünen Tees aus, den sie bevorzugt. Der „Zeit“ erklärte ein „alter Kampfgefährte“, „das Schroffe, Unnahbar-Misstrauische der Kandidatin“ sei ein „Aufsteigerproblem“: „Aufsteiger können nie aufhören zu kämpfen“.

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