https://www.faz.net/-ie7-6ooxu

Berlin : Eine abgefahrene Stadt

Wahlplakate für ein buntgemischtes Volk: Wer feste Termine hat, ist hier Teil einer Minderheit Bild: dpa

Die Straßen Berlins sind löchriger als in anderen Städten, die Schulen vielfach in einem traurigen Zustand. Die Touristen aber stören selbst die Bettler kaum.

          5 Min.

          „Entschuldigen Sie bitte die Störung. Mein Name ist Klaus. Ich verkaufe hier die Obdachlosenzeitung Motz. Aber auch über eine kleine Spende freue ich mich.“ Keine S-Bahn-Fahrt in Berlin ohne eine solche Ansage. Wer durch die Hauptstadt eilt, wird angebettelt. An den Ladenzeilen der Friedrichstraße hocken Roma-Frauen und drücken regungslose Kinder an ihren Busen, eine Pietà, die Passanten Geld entlocken soll. An den großen Kreuzungen stürzen sich junge Rumänen bei Rot mit einer Plastikflasche und einem Abzieher bewaffnet auf die Autos; ablehnende Handbewegungen grinsen sie weg, sprühen mit Glasreiniger ein Herz auf die Scheibe, um dann doch kassieren zu können.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Berlin ist arm. Das hat Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit vor Jahren festgestellt. Der SPD-Politiker, der am Wahlsonntag vor allem gegen die Grüne Renate Künast um seinen Arbeitsplatz im Roten Rathaus kämpft, dürfte dabei aber weniger auf die hohe Zahl an Arbeitslosen und mehr auf die Kasse der Hauptstadt geschielt haben, die mit mehr als 60 Milliarden Euro verschuldet ist und seit Ewigkeiten von Milliardenüberweisungen des Bundes und der reichen Länder im Westen lebt. Die Straßen Berlins sind noch abgefahrener als in anderen Städten, die Schulen vielfach in einem traurigen Zustand. Die Botschaft sollte dennoch nicht bitter klingen, der lebenslustige Landesvater sagte deshalb „arm, aber sexy“.

          Nur selten sind Demonstrationen die Ursache

          Tatsächlich ist die Stadt sehr attraktiv. 20 Millionen Übernachtungen zählte die Hotellerie im vergangenen Jahr an der Spree. Täglich drängen sich die Touristen, nicht nur auf den Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor und beflügeln den Geschäftssinn von Kleinunternehmern. Diese schlüpfen beispielsweise in alte DDR-Uniformen und stempeln Pässe. Auch Indianer mit mächtigem Kopfschmuck sind dort zuweilen zu sichten, was sich historisch weniger leicht erklären lässt. Die jüngeren Besucher hüpfen in der Luft, um sich so als Punkte vor Sehenswürdigkeiten fotografieren zu lassen. In großen Gruppen erkunden Berlin-Besucher auf zwei Rädern die Straßen der Stadt – das wackelige Fortkommen beweist, dass mancher nie vorher auf einem Fahrrad gesessen haben dürfte. Selbst die Pferdedroschke ist zurück, so dass es nun auf dem Prachtboulevard Unter den Linden verdächtig nach Land riecht.

          Junge Berlinbesucher hüpfen in die Luft, um sich so fotografieren zu lassen
          Junge Berlinbesucher hüpfen in die Luft, um sich so fotografieren zu lassen : Bild: dpa

          Doch braucht Berlin nicht die Touristen, um sich zu blockieren. Das schafft die einst quirligste Metropole des alten Kontinents ganz allein. Selbst vierspurige Hauptstraßen werden spätestens um 22 Uhr zu Tempo-30-Zonen. Die große Ost-West-Achse, die den Tiergarten durchschneidet, ist im Sommer rund um das große Tor so gut wie jedes Wochenende gesperrt: Kinderfeste, Fanmeile, Lauf- oder Skaterwettbewerbe, Fahrradrennen: Irgendetwas findet sich immer, um Stau zu produzieren – nur selten sind Demonstrationen die Ursache. Hier zeigt die Stadt ihren Charakter: Berlin ist das Feiern wichtiger als das Vorankommen. Wer feste Termine hat, weil er einer geregelten Arbeit nachgeht, ist Teil einer Minderheit. Nur 42 Prozent der Berliner finanzieren sich aus eigenem Erwerbseinkommen. Die anderen leben vom Staat, weil sie alt, arm oder arbeitslos sind. Kein Wunder, dass es die bürgerlichen Parteien hier besonders schwer haben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach Kritik an F.A.Z.-Beitrag : Thierse erwägt SPD-Austritt

          Im Streit mit der Parteiführung hat der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse seinen Austritt aus der SPD angeboten. Hintergrund des Streits ist ein Gastbeitrag Thierses in der F.A.Z., in dem er Kritik an einer rechten, aber auch linken „Cancel-Culture“ übte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.