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Wahl in Bayern : Leerfahrt des Sonnenkönigs

Eine wundersame Verwandlung

Auf dem Rathausplatz warten einige Hundert Zuhörer, wieder ist der Empfang freundlich. Die Redezeit beträgt laut Plan eine Stunde. „Was, eine Stunde?“, fragt Ude. Also spricht Ude, eine Stunde lang. Sobald Christian Ude vor einem Mikrofon steht, vollzieht sich eine wundersame Verwandlung. Er, der Sprachmensch, der Bücher- und Kolumnenschreiber, der Kabarettist, wird zur Parodie seiner selbst. Christian Ude, gesprochen von Christian Ude. Eben noch hat er unverstellt gesprochen, nun reiht er in kühnem Stakkato überbetonte Silben aneinander.

Im Ude-Sound spricht Ude also zum Mindestlohn, zu den Vorzügen der Energiewende und zur Mietpreisbremse auch für Neuvermietungen, die er als Mieteranwalt schon in den achtziger Jahren gefordert habe. Dafür erhält er freundlichen Applaus. Aber Wechselstimmung vermag der Redner Christian Ude nicht zu entfachen.

Ude muss als SPD-Spitzenkandidat im Land gegen etwas kämpfen, von dem er als Oberbürgermeister 20 Jahre lang profitiert hat: die Stärke Bayerns. Bei den Arbeitsplätzen, in der Bildung, beim Haushalt - der Freistaat ist überall top. „Der Beschäftigungsmarkt in Bayern ist sehr gut“, die Wirtschaftsdaten seien „unbestritten sehr positiv“, gesteht Ude freimütig zu. Aber das liege doch nicht an der CSU. Es sei eine „alberne Vorstellung, durch die SPD wäre der Wohlstand gefährdet“.

„Die Landschaft hat der Herrgott gemacht, nicht die CSU“

Das seit Jahrzehnten von der SPD regierte München sei das beste Beispiel dafür, dass dem nicht so ist. Eigentlich verhalte es sich so wie mit der schönen Landschaft in Bayern. „Die hat der Herrgott gemacht, nicht die CSU.“ Es ist die Mühe des Sisyphos. Die CSU hat sich so fest an Bayern drangeleimt, das löst auch ein Ude nicht. Zumal die Schwarzen auch die gerisseneren Wahlkämpfer sind als die Roten. Kurz vor der Wahl haben sie den Streit über die Pkw-Maut noch einmal angefacht, um den Wählern den Eindruck zu vermitteln, Bayern und die CSU müssten jetzt wieder ganz fest zusammenhalten, damit sie gemeinsam gegen „Berlin“ und „Brüssel“ bestehen können.

Merkels Nein zur Maut, das Ude für eine „schallende Ohrfeige“ für die CSU hält, ist aus dieser Perspektive nur weiteres Wasser auf Seehofers Mühlen. „Die Forderung ist tatsächlich populär“, das gibt auch Ude zu - zumal Seehofer immer genau nach der Ferienzeit damit ankomme, wenn jeder zweite Bayer mit Ingrimm auf das teure österreichische Pickerl auf seiner Windschutzscheibe schaut. 15 Minuten Redezeit investiert Ude in das Thema Pkw-Maut. In Seehofers Thema.

Traum von einer Kandidaten-Gewerkschaft

Es ist Abend geworden. Ude ist müde. Immer präsent sein, immer auf Leute zugehen, immer unter Beobachtung, seit Wochen. Gegen die Strapazen des Wahlkampfs panzert sich Ude mit Humor. Auf der Herfahrt hat er erzählt, er werde eine Gewerkschaft der Spitzenkandidaten gründen, die sich auf klassische gewerkschaftliche Forderungen wie menschenwürdige Rastzeiten und angemessene Verpflegung konzentriert.

Zurück im Bus, noch einmal die Frage: Was treibt ihn an? Ude sagte nicht: Es ist mein Ehrgeiz. Er antwortet, was er sonst nicht tut, in Schablonen. „Die Chance, etwas für das Land zu tun“, „dass eine Alternative da ist“. Wenn es mit ihm nicht klappe, dann vielleicht das nächste Mal mit jemand anderem von der SPD, dem Fraktionsvorsitzenden Markus Rinderspacher oder der Generalsekretärin Natascha Kohnen vielleicht. Nur kennt die kaum jemand in Aschaffenburg, im Fichtelgebirge, in Pfaffenhofen an der Ilm.

Der Wahlkampfbus wirft den Motor an. Wieder ist es beinahe eine Leerfahrt. Heute noch nach Nürnberg und morgen weiter, bis zum politischen Betriebsschluss.

Bayerische Landtagswahlen von 1946 bis 2008

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