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Wahl in Bayern : Leerfahrt des Sonnenkönigs

Immer präsent sein, immer auf Leute zugehen, immer unter Beobachtung: Gegen die Strapazen des Wahlkampfs panzert sich Christian Ude mit Humor

Ude macht aus seiner Frustration über den mangelnden Einsatz in der Bayern-SPD keinen Hehl. Die Spitze des Landesverbands und seine SPD-Bürgermeisterkollegen spart er von seiner Kritik aus. „Aber unter den Funktionären befleißigen sich einige einer bemerkenswerten Zurückhaltung“, sagt Ude. „Was, der Bundestagsabgeordnete ist in Urlaub?“, habe er sich nicht selten gewundert, wenn er wieder eine Veranstaltung irgendwo draußen hatte. Die Bayern-SPD ist das Verlieren gewohnt. Bei der vergangenen Wahl 2008 erhielt sie 18,6 Prozent.

Ude hat sich immer ferngehalten von dieser Truppe. Der Sonnenkönig der Landeshauptstadt, den die Münchener das letzte Mal mit 66,8 Prozent wiedergewählt haben, wollte nie hinabsteigen in die Niederungen des Landesverbandes. Über Jahre ließ Ude, der seine Zugehörigkeit zur SPD schon fast zu verstecken schien, die Anfragen und Bitten seiner Genossen an sich abtropfen und engagierte sich auch nicht sonderlich für die Wahlkämpfe seiner Partei. Aber nachdem in Baden-Württemberg Winfried Kretschmann Ministerpräsident geworden war, erklärte sich Ude im August 2011 dann doch bereit zur Spitzenkandidatur.

Viele Überlegungen und Mutmaßungen wurden seitdem angestellt. Er tue das, weil die CSU einen Moment der Schwäche erlebe und sich eine einmalige Chance ergeben habe, sagten die einen. Eitelkeit, sagten die anderen; Ude sei trotz seiner Feinsinnigkeit und seines Sinns für das richtige Maß ein Mensch, der nicht von der Macht lassen kann. 2014 muss der mittlerweile 65 Jahre alte Ude das Amt des Oberbürgermeisters aufgrund einer Regelung des Kommunalwahlrechts aus Altersgründen abgeben.

Dinge auf den Punkt bringen, das kann er

Die Bayern-SPD hatte jedenfalls auf einen Ude-Effekt gehofft. 25 Prozent lautete das damals bescheiden anmutende Ziel. Zusammen mit starken Grünen und willigen Freien Wählern hätte das gereicht zur Ablösung der CSU. Doch statt eines Ude-Effekts auf die SPD gab es einen SPD-Effekt auf Ude. Die roten Teppiche, die man ihm zu Ehren in München ausrollte, waren plötzlich passé. Das Geläuf war fortan weniger komfortabel. Auch die Medien fassten ihn nun härter an. Ude, der einst selbst Zeitungsredakteur gewesen war, hat sich des öfteren darüber beschwert.

In München hatte er sich daran gewöhnt, als gemütlicher, beim Radlfahren vergnügt in sich hineinschmunzelnder Schnauzbartträger dargestellt zu werden, bildlich wie textlich. Und nun, im Landtagswahlkampf, wurden ihm Sachen wie mit Aschaffenburg und dem Fichtelgebirge nachgetragen. Der Wahlkampfbus fährt weiter nach Ingolstadt, in die Heimat Horst Seehofers. Es ist die dritte Veranstaltung heute. Gestern war es spät geworden; endlich gibt es etwas zu essen. Ude steht vor einem Dilemma. „Wenn man nix isst, bleibt man hungrig - wenn man was isst, wird man noch müder.“ Dinge auf den Punkt bringen, das kann er. Ude entscheidet sich und legt sich in einem Nebenraum kurz hin, bevor es weitergeht.

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