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Wahl in Bayern : Leerfahrt des Sonnenkönigs

Der folgende Rote-Blumen-Test ist repräsentativer. Es hat schon SPD-Spitzenkandidaten in Bayern gegeben, die daran gescheitert wären. „Hallo, die Damen“, sagt Ude und überreicht eine Gerbera. Auch ein kleines Mädchen bekommt von dem Blumenkavalier ein Exemplar überreicht. „Das Kriterium ist Dame, nicht Alter“, sagt der Jurist Ude. Auf dem Marktplatz von Pfaffenhofen an der Ilm werden die Stärken von Udes Kandidatur deutlich. Bayerische SPD-Politiker wie den Landesvorsitzenden Florian Pronold würde in Pfaffenhofen vermutlich kaum jemand erkennen.

Von einem Machtwechsel weit entfernt

Aber nach zwanzig Amtsjahren als Münchner Oberbürgermeister weiß so gut wie jeder in Bayern, wer Christian Ude ist, dass München unter seiner Führung gut dasteht und dass der Mann sich keine Skandale geleistet hat. Aus der Hand von Ude darf man eine Blume annehmen. Nur, wie passt das zu den dürren 20 Prozent, die der bayerischen SPD nach den Umfragen bei der Landtagswahl am Sonntag bevorstehen? Von einem Machtwechsel scheint die SPD weit entfernt, zumal der eine mögliche Koalitionspartner, die Grünen, in ihrem Sinkflug mittlerweile bei zehn Prozent angekommen sind.

Und die Freien Wähler, von denen auch niemand so recht weiß, ob sie bei den Roten und den Grünen überhaupt mitmachen wollen, stagnieren bei acht Prozent. Selbst wenn die Freien Wähler sich beteiligten, würde das nach derzeitigem Stand nicht zu einer Mehrheit reichen. Die drei zusammen hätten 38 Prozent, die CSU allein kommt auf 47 bis 48 Prozent. Die SPD-Mitarbeiter verbreiten dennoch unverdrossen Zuversicht. Nichts sei entschieden, ein Swing von vier Prozent reiche schon. Zudem habe die CSU ein Mobilisierungsdefizit, und überhaupt, wer traue denn noch Umfragen.

„Skandale kann man abwählen“

Wenn man die positiven Reaktionen der Bürger auf dem Marktplatz von Pfaffenhofen erlebt, könnte man in der Tat ins Zweifeln kommen. Aber es gibt keinen Grund, an den Umfragen zu zweifeln, und Ude weiß das. All die Affären, die Verwandten-Affäre, die Mollath-Affäre, die Modellauto-Affäre - die Bayern nehmen der CSU einfach nichts richtig krumm. Ude erklärt sich das mit dem Stammescharakter. „Die Bayern sind keine aufrührerischen Typen, die von der Weltrevolution träumen. Wenn die eine Revolution machen, dann nur, damit sie hinterher ihre Ruhe wiederhaben.“ Wie weit die Nachsicht der Bayern bei Skandalen gehe, das habe er schon bei der Spiegel-Affäre beobachtet - „befremdlich“ fand er das. In seinen Reden spricht Ude das inzwischen offen an.

Der Satz „Skandale kann man abwählen, aber man muss es auch tun“ gehört zum festen Repertoire seiner Auftritte. Die weitere Fahrt mit dem großen Wahlkampfbus der SPD ist eine Reise zu weiteren Gründen, warum der nächste Ministerpräsident des Freistaats Bayern höchstwahrscheinlich nicht Christian Ude heißen wird. Außen auf dem Bus ist der Spitzenkandidat überlebensgroß aufgebracht. Seinen Kopf sieht man seitenverkehrt auch von innen. Durch die Scheibe lächelt er leeren Stuhlreihen zu. Inklusive Fahrer, Journalisten, Sicherheitspersonal und Wahlkampfhelfern sind nicht einmal ein Dutzend Passagiere an Bord.

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