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Wahl in Bayern : Die Machtmaschine im Lodenmantel

Volksnähe war in Bayern schon immer Voraussetzung für den Erfolg: Ministerpräsident Horst Seehofer am 2 .September beim Gillamoos-Frühschoppen Bild: dpa

Das Geschäftsmodell der CSU funktioniert noch. Kaum einer hat es so ausgereizt wie Horst Seehofer.

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          In Bayern gehen die Uhren so anders, dass man manchmal nicht einmal weiß, ob sie gerade vorwärts oder rückwärts laufen. Jedenfalls mag das manchem Nichtbayern so vorkommen.

          War die CSU in der vorigen Wahl nicht auch auf das Maß zurückgestutzt worden, mit dem Volksparteien heutzutage in allen anderen Ländern leben müssen, nicht nur den deutschen? Und dann das: Fünf Jahre nach dem Abstieg in die Liga der Leichtmatrosen, die zum Regieren auf einen Koalitionspartner angewiesen sind, gewinnt die CSU wieder die absolute Mehrheit der Mandate im Bayerischen Landtag: trotz des Landesbank-Desasters, trotz der Verwandten-Affäre, trotz Horst Seehofer.

          Das ist aber schon wieder eine außerbayerische Sichtweise. Denn der CSU-Vorsitzende und Ministerpräsident hat den Wiederaufstieg seiner Partei nicht behindert, sondern befördert. Seehofer führte die CSU aus der Depression des Debakels von 2008 heraus, in das sie nach dem Höhenflug Stoibers hinauf zur Zweidrittelmehrheit gestürzt war.

          „Liberalitas Bavariae“

          Das tat Seehofer mit jener Mischung aus politischem Hallodritum, Freude an der Macht und Volksnähe, die in Bayern schon immer Voraussetzung für den Erfolg war. Das Geheimnis der letzten wirklichen Volkspartei besteht darin, nicht für dieses oder jenes zu stehen, sondern für alles: für das Prinzip „Leben und leben lassen“, für die „Liberalitas Bavariae“, die auch gerne von jenen CSU-Granden zitiert wird, denen das Bündnis mit der FDP ein Graus war. Denn liberal kommt sich die CSU selbst vor, wie auch ausreichend sozialdemokratisch und grün. Das bisserl Opposition, sagte sich die Partei schon unter Goppel und Strauß, das machen wir doch gleich mit.

          Aber kaum einer reizte dieses Geschäftsmodell so aus wie Seehofer, der augenzwinkernde Meister des politischen Hakenschlagens. Er weiß, wovon das Schicksal eines CSU-Vorsitzenden abhängt – und warum daher ein bayerischer Ministerpräsident aus Liebe zu seinem (Wahl-)Volk gelegentlich Opfer bringen muss, und seien es so große wie die Studiengebühren, die Staustufen in der Donau oder den Schüttelschorsch.

          Wie sollte Seehofer auch sonst beweisen, dass er ein führungsstarkes Mannsbild ist? Unverrückbare Überzeugungen unterstellt ihm niemand. Und Stoiber hatte kaum etwas übrig gelassen, das noch reformiert werden konnte. Trotzdem geht es Bayern so gut, dass es fast alle anderen deutschen Länder alimentieren muss. Seehofer konnte im Wahlkampf Dutzende Ranglisten aufführen, von der Arbeitsmarktstatistik über die Bildung bis zur Wirtschaftskraft, in denen der Freistaat die Spitzenposition einnimmt. Die politischen Grundlagen dafür wurden zwar schon vor seinem Amtsantritt gelegt.

          Doch vermittelte er einer genügend großen Zahl von Wählern den Eindruck, solange er am Stellpult in der Staatskanzlei die Weichen stelle, gehe es in Bayern so ordentlich und pünktlich zu wie auf seiner Modelleisenbahnplatte.

          Wahlsieger: Die Bewährungszeit ist beendet - erwartet Bayern nun eine Ära Seehofer?

          Die Leichtigkeit, mit der die CSU wieder ihren Lodenmantel über Bayern breiten konnte, hat freilich auch mit der Schwäche des politischen Hauptkonkurrenten zu tun. Die SPD steht schon seit Generationen von bemitleidenswerten Parteivorsitzenden in Bayern herum wie eine Abordnung des Deutschen Alpenvereins, Sektion Berlin, bei einer Fahnenweihe in Rosenheim. Regieren wollen tät’ sie schon gern mögen, doch richtig anzugreifen hat sie sich nicht einmal in der Verwandtenaffäre getraut.

          Der bayerischen SPD fehlt der unbedingte Wille zur Macht, der die CSU auch in dunklen Zeiten zusammenhielt. Die SPD aber vermittelt zu oft den Eindruck, sie sei zufrieden damit, das Amt der königlich-bayerischen Opposition versehen zu dürfen. Daran konnte auch der Spitzenkandidat Ude nichts ändern, dessen Strahlkraft in dem Maße abnahm, in dem er sich von seinem Schwabinger Biotop entfernte.

           Bleibt in der Opposition: „Freie Wähler“-Chef Hubert Aiwanger

          Größere Sorgen machte der CSU ein anderer Wettbewerber: die „Freien Wähler“. Sie sind Fleisch vom Fleische der CSU. Die Partei ist das illegitime Kind, das Strauß immer fürchtete. Hubert Aiwanger, eine Art Kleinbauernausgabe von Karl-Theodor zu Guttenberg, hat die Kunst der CSU, gleichzeitig für und gegen alles sein zu können, zur höchsten Blüte gebracht, was natürlich leichter fällt, wenn man nicht in der Regierungsverantwortung steht. Dank Aiwanger weiß man schon jetzt, wie sich die CSU in der Opposition aufführen würde.

          Dieses Erlebnis bleibt ihr und den Bayern für weitere fünf Jahre erspart – nicht aber der Generationswechsel, mit dem sich die Partei traditionell schwer tut. Seehofer wird die zurückgewonnene Stärke der CSU noch eine Weile in Berlin demonstrieren wollen, wenn es in einer Woche auch dort nach Plan läuft – das heißt, wenn das bayerische Ergebnis die Wählerschaft von CDU und CSU nicht einschläfert und die der SPD nicht aufweckt.

          Doch will Seehofer den Hof übergeben, bevor er vom selbigen gejagt wird wie einst der Rekordwahlsieger Stoiber. Die Machtmaschine CSU kennt, wenn es um die Sicherung ihrer Stellung in Bayern geht, keine Sentimentalitäten. Wer glaubt, sie sei eine Partei der bierseligen Gemütlichkeit, die lieber an ihre Vergangenheit als an ihre Zukunft denkt, weiß nichts von ihr. Die Uhr der CSU läuft niemals rückwärts.

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