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Warum Giesing jetzt grün ist : Andere Grüne, anderes Bayern

Bild: FAZ.NET

Besonders erfolgreich war die Ökopartei in München – sie passt zum Lebensgefühl. Auch in Giesing, wo Gülseren Demirel das Direktmandat geholt hat.

          „Ein Wahlkreisbüro, das ist jetzt der nächste Schritt.“ Gülseren Demirel strahlt. Seit Sonntag ist Giesing im Südosten Münchens grün. Und das ist ihr Verdienst. Bei der bayerischen Landtagswahl holte sie im größten Münchner Stimmkreis 30,9 Prozent der Erststimmen – und nahm dem CSU-Politiker Andreas Lorenz so sein Direktmandat ab. Und dass, obwohl sie nicht einmal aus dem Stadtteil kommt. „Aber anscheinend hatten die Giesinger das Gefühl, dass ich hier wohne.“ Demirel lacht.

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          Die 1964 geborene Politikerin wohnt in München-Mitte. Auch dort gewann am Sonntag ein Grüner, Spitzenkandidat Ludwig Hartmann. Genau wie in drei weiteren Münchner Stimmkreisen – und in der unterfränkischen Bezirkshauptstadt Würzburg. Die Grünen haben einen Lauf, vor allem in den bayerischen Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern, wo sie zum Teil nah an die CSU herankamen.

          „Ich will ein buntes Bayern“

          Demirel, die seit Jahren für die Grünen in der Kommunalpolitik aktiv ist, wundert das nicht. „Wir Grünen können als moderne Partei viele Milieus bedienen. Das ist nicht mehr so wie bei den Volksparteien, wo die einen auf Tradition und Stillstand setzen, die anderen auf die Arbeiter und Abgehängten oder auf die Reichen.“ Sie steht am Tegernseer Platz, dem Mittelpunkt Giesings, auch, was den Verkehr betrifft. Straßenbahnen, Autos, Busse, alles kommt hier vorbei – und alle: Senioren bringen mit dem Rollator ihre Einkäufe nach Hause, Väter ziehen Kleinkinder im Fahrradanhänger zum nächsten Spielplatz, Schüler machen für ein Stück Holzofen-Pizza am hippen Italo-Imbiss Halt oder, ein paar Häuser weiter, beim Dönerladen.

          Demirel deutet auf eines ihrer Wahlplakate. „Ich will ein buntes Bayern“, steht darauf. Das Plakat habe polarisiert, erzählt sie. Besonders in den sozialen Netzwerken hätten es rechte, AfD-nahe Nutzer gegeißelt. Für sie ist Demirel ein Feindbild, wohl nicht nur wegen ihrer Parteizugehörigkeit und ihrer Forderung nach einer vielfältigen Gesellschaft, sondern auch wegen ihrer Biographie: Im Alter von sieben Jahren kam Demirel als Kind kurdischer Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland.

          Doch für die Giesinger war Demirel offenbar die Richtige. In dem ehemaligen Arbeiterviertel, heute unterteilt in die Stadtbezirke Obergiesing und Untergiesing-Harlaching, leben wegen des für Münchner Verhältnisse noch relativ überschaubaren Mietniveaus viele Migranten, aber auch junge Familien. 2005 wurde ein Teil des Stadtteils in das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ aufgenommen – für Kritiker ein Instrument zur gezielten Aufwertung von Stadtteilen, für Befürworter ein Weg, um Quartiere mit besonderem Entwicklungsbedarf zu fördern. Städtebaulich gab es den in Giesing auf jeden Fall, allein schon wegen des früheren Agfa-Geländes, das ab 2008 in ein Wohn- und Gewerbequartier umgewandelt wurde.

          Doch mit dem Wandel kam im Stadtteil auch die Angst vor der Verdrängung einkommensschwächerer Giesinger. Symbol dieser Angst vor Immobilienspekulation und Gentrifizierung ist das sogenannte Uhrmacherhäusl. Der Besitzer ließ das denkmalgeschützte Haus im Herbst 2017 in einer illegalen Blitzaktion abreißen – und zog damit den Zorn des ganzen Stadtteils auf sich. Die Nachwehen hat Demirel auch im Wahlkampf gespürt. Und bei den Giesingern für eine neue, grüne Wohnungspolitik geworben, für mehr Sozialwohnungen und eine funktionierende Mietpreisbremse.

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