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Bayern vor der Landtagswahl : Die FDP hat durchgelüftet

  • -Aktualisiert am

Der Smarte und der Desperado: Spitzenkandidat Hagen und der ehemalige Vorsitzende der FDP in Bayern, Albert Duin Bild: dpa

Vor fünf Jahren erlitt die FDP in Bayern eine krachende Niederlage. Mit ungewöhnlichen Typen gelang der Neuanfang – der Einzug in den Landtag ist trotzdem unsicher.

          Der heißeste Kandidat, den die bayerische FDP im Landtagswahlkampf zu bieten hat, ist nicht ihr Spitzenkandidat Martin Hagen, auch nicht der ehemalige „Focus“-Herausgeber Helmut Markwort und noch nicht mal Josefa Schmid, die bekannteste Bamf-Mitarbeiterin der Republik, sondern Albert Duin: Mittelständler vom alten Schlag, gebürtiger Ostfriese, Goldkettenträger, auf Platz zwei der Oberbayern-Liste. Als wir ihn in seiner Firma für Ringkernbauelemente besuchen, kommt er mit filterloser Zigarette im Mund in den Gesprächsraum. Sein Kommentar: „Damit die Fronten gleich geklärt sind.“ Duin, Jahrgang 1953, ist ein Selfmademan.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Er trat erst 2006 in die FDP ein – und war schon sieben Jahre später, 2013, bayerischer Landesvorsitzender. Er übernahm damals einen Verband, der am Boden lag. Fünf Jahre lang hatte die Partei in München mitregiert, nun war sie mit 3,3 Prozent hochkant aus dem Landtag geflogen. Die damals Beteiligten neigen dazu, die Schuld dafür auf den Bund zu schieben, wo die FDP tatsächlich desolate Regierungsjahre hinter sich hatte. Auch dort landete sie in der außerparlamentarischen Opposition. Duin hingegen spricht aus, was viele in der Partei und auch bei den politischen Mitbewerbern genauso sehen: Die bayerische FDP sei damals vor dem Koalitionspartner CSU „permanent eingeknickt“, etwa bei der Abschaffung der Studiengebühren.

          Zu „unbayerisch“

          „Da hätte ich gnadenlos die Regierung platzen lassen“, behauptet Duin. „Manchmal muss man einfach Eier haben.“ Durch viel Basisarbeit und klare Ansprache der Leute gelang es Duin, dem Landesverband neues Leben einzuhauchen. Der jetzige Spitzenkandidat Hagen, der unter Duin Landesgeschäftsführer war, sagt über ihn: „Er hat nach der totalen Niederlage die Fenster aufgemacht, im Landesverband durchgelüftet.“ Dennoch wurde Duin in der Partei bearbeitet, Ende 2017 den Landesvorsitz an den Bundestagsabgeordneten Daniel Föst abzugeben. Er ging aber davon aus, dass er Spitzenkandidat werden würde, auch wegen des starken Bundestagswahlergebnisses von 10,2 Prozent, das er sich zugutehält. Doch daraus wurde nichts.

          Denn in einer Urwahl, die zu den Frischluft-Elementen im Landesverband gehört, verlor er gegen Hagen. Es hatte sich gezeigt, dass Duin bei Altvorderen der Partei einen schweren Stand hat. Sie finden ihn wahlweise zu „unbayerisch“, zu alt, zu undiplomatisch, zu unprofessionell. Es heißt, „bei der freiwilligen Feuerwehr in Untermenzing oder beim Handwerkerstammtisch“ komme er sehr gut an, was Duin („Ich bin ein Kracher“) sicher nicht bestreiten würde. Bei Themen wie Bildung oder Bürgerrechten sei er allerdings nicht so sattelfest.

          Jedenfalls soll die ehemalige Landesvorsitzende Sabine Leutheusser-Schnarrenberger im Hintergrund sehr aktiv gewesen sein, um ihn als Spitzenkandidaten zu verhindern. Auch den beiden FDP-Ministern im Kabinett Seehofer, Martin Zeil und Wolfgang Heubisch, war Hagen lieber als Duin, wobei sie, wie es heißt, sich auch selbst noch mal die vorderste Reihe zugetraut hätten.

          Heubisch hat Parkettgeschmeidigkeit

          Duin fühlt sich wohl, wo seine Firma sitzt: in der Nachbarschaft von Spielhalle, Baumarkt und Kampfsportstudio. Heubisch hingegen ist ein Mann für das München zwischen Literaturhaus, Residenztheater und Münchner Freiheit. Der Betriebswirt und ehemalige Zahnarzt mit eigener Praxis in Bogenhausen, Sohn eines Architekten, Neffe von zwei Bildhauern, war von 2008 bis 2013 Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Er würde es, obschon 72, wohl wieder machen, wenn es nach der Wahl am 14. Oktober zu einer wie auch immer gearteten Koalition mit der CSU käme.

          Bei der machen sie sich über Heubisch gern lustig, etwa über sein Wahlplakat, auf dem er einen flotten Anorak und einen noch flotteren Slogan präsentiert: „Ein Kenner. Ein Könner. Ein Kämpfer“. Andererseits geben manche in der CSU auch zu, dass Heubisch die Parkettgeschmeidigkeit hat, die ihnen selbst zum Teil abgeht. Im Frühjahr hatte er in den Münchner Augustinerkeller zum Maibockfest geladen. Gäste waren der FDP-Strizzi Wolfgang Kubicki und Helmut Markwort, im Publikum saß Marie Waldburg, die Grande Dame der Münchner und sonstigen Society-Berichterstattung.

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