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CSU und Grüne : Vergleiche Seehofer, Horst (2008)

  • -Aktualisiert am

Konservative Trachtenmode und Grüne wählen: Auf dem Marktplatz von Prien ist das kein Widerspruch Bild: Andreas Müller

Der Landtagswahlkampf in Bayern hat seine ganz eigene Plagiatsaffäre. Bei CSU und Grünen fällt es den Wählern schwer, zwischen Original und Kopie zu unterscheiden.

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          Vor einigen Jahren hätten Claudia Stamm und Ulla Zeitlmann noch die große bayerische Seinsfrage provoziert: Ja, wo samma denn? Zwei Töchter aus dem CSU-Adel, die bei den Grünen Karriere machen, mitten im Chiemgau, dem Traumland Ludwigs II. - das wäre so unwirklich erschienen wie im 19. Jahrhundert der Nachbau des Schlosses Versailles in der bayerischen Seen- und Bergwelt. Doch Ludwigs Phantasmagorie ist längst steingewordene Selbstverständlichkeit - mancher Besucher aus Asien oder den beiden Amerikas, der auf großer Europa-Tour ist, mag den Eindruck haben, das Original stehe auf Herrenchiemsee und die Kopie in Frankreich. Bei der CSU und den Grünen verhält es sich mittlerweile ähnlich: Auch hier fällt es schwer, zwischen Original und Kopie zu unterscheiden. Wenn Horst Seehofer sich im Landtagswahlkampf als „Vater der Energiewende“ feiert, hilft den Zuhörern zur Selbstvergewisserung nur ein Blick auf das Parteilogo des Rednerpults.

          Die Vermessung, wer sich bei dieser politischen Kontinentalverschiebung auf wen zubewegt hat - die CSU auf die Grünen, die Grünen auf die CSU -, hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. Jedenfalls sind beide Parteien an jenem ominösen Ort angelangt, der als Mitte der Gesellschaft apostrophiert wird. Ebendort, wo Claudia Stamm und Ulla Zeitlmann an einem schönen Spätsommertag stehen, mitten auf dem Priener Wochenmarkt. Sie brauchen sich zwischen den Obst-, Wurst- und Käseständen nicht einmal mit einem „Do samma!“ zu behaupten.

          Es wird für selbstverständlich genommen, dass sie für die Grünen und für sich werben - Claudia Stamm kandidiert für den Landtag, dem sie schon angehört, Ulla Zeitlmann für den Bundestag, in dem sie eine Novizin wäre. Und mancher, der stehen bleibt und wie die Inkarnation eines CSU-Wählers ausschaut, im Trachtenoutfit, den Autoschlüssel am Bandl, outet sich gleich im ersten Satz als Grünen-Wähler: „Mei Stimm habt’s eh.“

          Claudia Stamm ...
          Claudia Stamm ... : Bild: Andreas Müller

          Künftigen Historikergenerationen, die eine biographische Notiz über Barbara Stamm verfassen, könnte drohen, dass sie sich korrigieren lassen müssen: Die sei zwar Sozialministerin und später Landtagspräsidentin, aber mitnichten bei den Grünen, sondern bei der CSU gewesen. Und zwar zu Zeiten, in denen die CSU noch vehement gegen eine Ganztagsbetreuung von Kindern gefochten hätte - auch wenn Seehofer 2016 bei seinem Ausscheiden aus den Ämtern des bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden als Vater der Ganztagsbetreuung gerühmt worden sei.

          Bei den Grünen sei ihre Tochter Claudia Stamm gewesen - und bei den Grünen habe es sich auch nicht um eine Unterorganisation der CSU gehandelt. Zu ihrer Entlastung könnten die so Gescholtenen nur Rekurs auf Archivalien nehmen, die belegen, dass es schon anno 2013 schwierig gewesen ist, beide Parteien auseinanderzuhalten.

          Kein schwarz-grünes Gemunkel im Wahlkampf

          Der Werbeflyer, den Claudia Stamm an diesem Tag in Prien verteilt, ist jedenfalls wenig geeignet zu einer Differentialdiagnostik zwischen CSU und Grünen. Sie ist für ein Bayern „ohne Zubetonieren unserer Natur und ohne Gentechnik“. Für „eine Gesellschaft, die gerechter ist“. Für „gleiche Chancen für alle Menschen und für eine humane Flüchtlingspolitik“. Seehofer könnte dabei immerzu ein herzhaftes „Ich aber auch und wie!“ ausstoßen, samt seiner unvergleichlichen Intonation des Wortes Chancen: „Schaasen“. Und das große Abschlussbekenntnis von Claudia Stamm müsste eigentlich unvermeidlich in den Ruf in ein Kabinett Seehofer münden, in das Heimatministerium, das er nach der Wahl einrichten will: „Damit es auch morgen und übermorgen lebendige Städte und Gemeinden gibt, mit Schulen und Nahversorgern, einer gewachsenen Infrastruktur, schnellem Internet und vernünftigen Nahverkehr.“

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