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Wahlkampf-Endspurt : Telefonaktionen, Dauerregen und Champagnerlaune

  • Aktualisiert am

Duell Nummer eins: Ypsilanti gegen Koch Bild: dpa

Hoffen, bangen, starkreden: In Hessen und Niedersachsen wird bis zum Schluss um jede Stimme gekämpft. Warum Roland Koch heißes Wasser trinkt, was Andrea Ypsilanti unter die Haut geht - und warum die SPD auf einen roten Laserstrahl verzichten muss.

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          Hoffen, bangen, starkreden: In Hessen und Niedersachsen wird bis zum Schluss um jede Stimme gekämpft. Warum Roland Koch heißes Wasser trinkt, was Andrea Ypsilanti unter die Haut geht - und warum die SPD auf einen roten Laserstrahl verzichten muss.

          Der hehre Leitspruch des deutschen Idealismus, „Dem Wahren Schönen Guten“, der im Giebelfeld der Frankfurter Alten Oper prangt, kommt wie ein Gegenentwurf zu der Wirklichkeit daher, über die Roland Koch am Donnerstag vor der Landtagswahl auf dem Frankfurter Opernplatz nicht schweigen kann. Es gebe nun einmal zu viele kriminelle Ausländer, nicht alle Kinder seien befähigt, die Hochschulreife zu erlangen, und man könne nicht, wie es die SPD anstrebt, innerhalb weniger Jahre die Energieversorgung Hessens auf erneuerbare Energien umstellen - auch wenn es im Sinne des von der CDU hochgehaltenen Klimaschutzes vielleicht wünschenswert wäre.

          Politik ist für Koch auch 72 Stunden vor der Schließung der Wahllokale vor allem die Kunst des Machbaren, während die SPD aus seiner Sicht für eine im Wortsinne unmögliche Politik wirbt. Er sei zum Frankfurter Opernplatz gekommen, sagt Koch, um seine „klare Meinung“ unter freiem Himmel zu äußern, dort, wo ein kalter Wind bläst, wo die dunklen Seiten der blühenden Großstadt nahe sind und sich eine Hundertschaft pfeifender und buhender Demonstranten Gehör verschaffen kann. Die SPD tage dagegen lieber „im gediegenen Kurhaussaal“ von Wiesbaden. Angela Merkel, Petra Roth, Erwin Huber, Franz Josef Jung und Kochs Minister sind auf den Opernplatz gekommen. Die CDU nennt es den „Auftakt zum Endspurt“. Es geht um Sieg oder Niederlage nicht nur von Personen, sondern auch politischer Ideen. Als Koch in den Jahren 1999 und 2003 am Donnerstag vor den Wahlen auf dem Opernplatz redete, gewann er ein paar Tage später. (tifr.)

          Duell Nummer zwei: Jüttner gegen Wulff

          Schon in Champagnerlaune zeigte sich die SPD am Donnerstagabend bei ihrer Ypsilanti-Endspurt-Show im edlen Ambiente des Wiesbadener Kurhauses. Es gab auch was fürs Herz, Deutschrock der Wiesbadener Hausband „Crackers“: „Die Zeit ist reif, die Löwin ist erwacht - sie spürt die Morgenröte nach einer langen schwarzen Nacht.“ Umringt von fröhlich Luftballons werfenden Jusos, schritten die Spitzenkandidatin und SPD-Chef Kurt Beck durch den Saal. Rund 1200 Anhänger waren gekommen, viele schwenkten rote „Ypsilons“.

          Die Szenerie erinnerte an den amerikanischen Vorwahlkampf. Gerührt gab sich Andrea Ypsilanti - wie eine Mischung aus Segolène Royal und Hillary Clinton: „Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie sehr das unter die Haut geht, wenn man so einen herzlichen Empfang erlebt.“ Die Rüsselsheimerin hielt eine wie immer mehr auf Emotionen als auf harte Fakten setzende Rede, in der sie das hessische SPD-Urgestein Georg August Zinn zitierte: „Mer müsse des uff uns nehme.“ Und auch der Pfälzer Beck begeisterte die Genossen mit einer Mischung aus Mainzer Karneval und vorgezogenem politischen Aschermittwoch: „Wir werden uns nicht wegducken wie das Kaninchen in der Furche.“ (holl.)

          Tommi Krüger, der sich im SPD-Parteivorstand in Berlin ums „Parteileben“ kümmert, engagiert sich seit zehn Jahren im Wahlkampf. In Hannover hat er etwas Neues gelernt: Dass man bei Laserlicht im Freien vorher die Flughafenbehörden fragen muss. Unweit des Flughafens trat Kurt Beck am Freitag in einer großen Veranstaltungshalle an, um den niedersächsischen SPD-Spitzenkandidaten Wolfgang Jüttner zu unterstützen.

          Für den Auftritt des Parteivorsitzenden darf die graue Halle im Gewerbegebiet zwar von außen rot angestrahlt werden - auf den geplanten roten Lichtstrahl, der weit in den Himmel hinein reichen sollte, müssen die Genossen verzichten. Er würde nämlich die Flugsicherheit gefährden. Jüttner hofft noch auf eine Wende in letzter Minute. Gespannt sind die niedersächsischen Genossen vor allem auf einen Sondergast: Gerhard Schröder hat sein Kommen angekündigt. Der frühere SPD-Bundeskanzler hatte sich bisher bei öffentlichen Wahlkampfauftritten in seiner Heimatstadt rar gemacht. (vL.)

          Noch dürfe er nicht allzu ausgelassen feiern, sagte der niedersächsische CDU-Vorsitzende Christian Wulff unlängst mit dem Bierglas in der Hand in seinem Stammlokal inmitten jubelnder Jungunionisten: Er brauche seine Stimme zum Abschlussauftritt, um mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem Musiker Roger Cicero in der Eilenriedehalle im Kongresszentrum mitzuhalten.

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