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Wahlkämpfer Koch : Ein Mann für die knappen Rennen

Wahlkämpfer Koch: Überrascht von der Kontrahentin Ypsilantin? Bild: ddp

Roland Koch hat im Wahlkampf versucht, sein schroffes Image zu verbessern. Seine Anhänger schätzen ihn jedoch vor allem als brillanten Redner und durchsetzungsfähigen Politiker. Dass es nun so eng wird, mag ihn selbst überrascht haben.

          6 Min.

          Ein Politiker, der eine schwere Wahlniederlage befürchtet, sieht anders aus. Mit ordentlich gezogenem Scheitel und randloser Brille sitzt Roland Koch vorne am Tisch und filetiert in druckreifen Sätzen das auf Wind und Sonne ausgerichtete Energiekonzept der SPD. Erst als ihn ein Journalist am Ende der Pressekonferenz in dem kleinen Raum im Hessischen Landtag nach den schlechten Umfragewerten für die Wahl am 27. Januar fragt, ist Koch die Anspannung über das Kopf-an-Kopf-Rennen mit seiner SPD-Herausforderin Andrea Ypsilanti, aber auch der Unmut darüber anzumerken, dass ihn wie so oft in seiner politischen Laufbahn viele Medien schon vorzeitig abgeschrieben haben.

          Thomas Holl

          Redakteur in der Politik.

          Er schüttelt den Kopf, schaut nach unten und verzieht den Mund, wie er es immer, auch vor Kameras, tut, wenn er sich ärgert: „Vergessen Sie die Umfragen. Ich habe in meinem politischen Leben gelernt, dass man sich nicht an Umfragen orientieren soll. Man wird nicht als Abziehbild von Umfragen gewählt, sondern als Abziehbild seiner Politik.“ Das Bild, das Koch den Wählern an diesem Mittwochmorgen und womöglich noch bis zum Wahlabend bieten wird, ist das eines durchsetzungsfähigen Ministerpräsidenten, der die CDU zur Hessenpartei machen wollte.

          Seit Ende Dezember im politischen Nahkampf

          Geboten wird ein Politiker, der auch in turbulenten Zeiten mit Massenentlassungen wie bei Nokia, kollabierenden Börsen und aufkeimenden Rezessionsängsten den Kurs hält, nicht den kühlen Kopf und die Nerven verliert. „Ich glaube, dass die Menschen erkennen, dass riskante Politikexperimente dem Land mehr schaden als nutzen.“ Koch beruft sich damit auf Konrad Adenauers legendäres CDU-Wahlkampfmotto von 1957 („Keine Experimente!“) und schiebt lächelnd den Satz nach: „Klugheit verjährt nicht.“ Zu besichtigen ist ein staatsmännisch agierender Amtsinhaber und Politik-Manager, wie ihn die Hessen einige Zeit lang erlebt haben - bis zu jenem 28. Dezember, als sich Koch von der Seite 1 der Zeitung „Bild“ mit der Schlagzeile „Wir haben zu viele junge kriminelle Ausländer in Deutschland“ als „akzeptierter Sprecher der schweigenden Mehrheit“ zurückmeldete.

          Geschätzt als brillanter Redner

          Damit stürzte er sich in einen in Deutschland lange nicht gesehenen politischen Nahkampf, der sich inzwischen bis ins ferne Berlin ausgeweitet hat. Es war eine recht abrupte, womöglich zu abrupte Verwandlung zurück in den harten Wahlkämpfer aus dem Januar 1999. Als Oppositionsführer organisierte Koch damals die als ausländerfeindlich attackierte Unterschriftenaktion „Integration Ja - doppelte Staatsbürgerschaft nein“. In der letzten Woche vor der Landtagswahl holte er damit aus scheinbar aussichtsloser Position eine deutliche Mehrheit für die CDU und vertrieb seinen Vorgänger Hans Eichel aus der Staatskanzlei.

          „Brutalstmöglicher Populist“

          Zwei Jahre lang, vom Bundestagswahlkampf 2005 bis Ende Dezember vergangenen Jahres, hatte sich Koch mit Hilfe seines engsten Beraters, des Regierungssprechers Dirk Metz, trotz des 2003 noch gesteigerten Wahlerfolgs eine nachhaltige Imagekorrektur verordnet. Seit der Anti-Doppelpass-Kampagne und der Schwarzgeldaffäre der hessischen CDU im Jahr 2000 galt Koch in seiner eigenen Partei und in der öffentlichen Wahrnehmung nicht nur als instinktsicherer Wahlkämpfer und Politiker. Wie keinem anderen deutschen Spitzenpolitiker haftet ihm seitdem auch das von der Opposition aufgeklebte Etikett eines „brutalstmöglichen Populisten“ und rechten Flügelmanns an, das einem weiteren Aufstieg bis ins Kanzleramt hinderlich wäre.

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