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Volksparteien : Wozu noch CDU?

  • -Aktualisiert am

Der Zerfall des Bürgertums prägt die Landtagswahlen Bild: AP

Noch hat die Union in elf Bundesländern das Sagen, noch besetzt sie die wichtigsten Ämter im Staat. Dennoch hat sie eine schleichende Erosion erfasst: Bei den Gebildeten, den Jüngeren und den Frauen verliert sie an Zuspruch. Ein Gastbeitrag von Parteienforscher Franz Walter.

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          Noch sind die Machtverhältnisse in der Republik aus Sicht des christlich-konservativen Parteienlagers in Ordnung. Die Union stellt derzeit die Bundeskanzlerin, den Bundesratspräsidenten, auch den Präsidenten des Deutschen Bundestages, selbst der Präsident des Bundesverfassungsgerichts ist auf ihren Vorschlag hin gewählt worden. Und noch werden elf der sechzehn Bundesländer von christlich-demokratischen Ministerpräsidenten regiert.

          Noch. Denn schon bald könnte in Hessen eine wichtige Bastion fallen. Und in Hamburg wird die CDU die Macht wohl mit einem Koalitionspartner teilen müssen. Natürlich: Die Unionsparteien sind keineswegs aus dem Mehrheitszentrum der Republik verdrängt. Aber die Christlichen Demokraten haben sich doch weit von den Leitmilieus der neueren Bürgerlichkeit in Deutschland entfernt: In keiner anderen Qualifikationsgruppe steht die Union so schlecht da wie bei den sogenannten Hochgebildeten.

          Das Bürgertum zerfällt

          Mehr als ein Jahrhundert unterstützten die akademischen Eliten verlässlich zunächst liberale, dann konservative Parteien. Der säkulare Wechsel der politischen Einstellung in dieser Klasse kultureller Deuter, die den Zeitgeist prägt, ist eine der folgenreichsten Zäsuren in der Geschichte des deutschen Bürgertums. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass zunächst rot-grüne Mehrheiten entstanden und nun Rot-Rot-Grün eine (mindestens) arithmetische Majorität besitzt. Zugleich hat die politische Neuorientierung eines Teils des Bürgertums wesentlich zum Zerfall des altbürgerlichen Lagers beigetragen.

          Abbau - Der CDU gehen die Stammwähler aus
          Abbau - Der CDU gehen die Stammwähler aus : Bild: dpa

          Auch die Landtagswahlen des Jahres 2008 sind von dem Zerfall des Bürgertums geprägt. In Hessen, Niedersachsen und Hamburg fiel die Distanz zur „bürgerlichen“ CDU in keiner anderen Gruppe derart signifikant groß aus wie bei den Wählern mit Abitur und Hochschulabschluss, vor allem bei solchen weiblichen Geschlechts. Da es sich hier um wesentliche Fermente der Wissensgesellschaft handelt, ist diese Entwicklung für die CDU sehr gefährlich.

          In Hessen kam die Union unter den Wählerinnen im Alter von 18 bis 24 Jahren auf karge 24 Prozent; bei den 25 bis 44 Jahre alten Frauen waren es nur 32 Prozent. Selbst in Niedersachsen erreichte die CDU Christian Wulffs bei den Frauen zwischen 18 bis 59 Jahren durchweg Anteile von weniger als 40 Prozent. Unter den Wählern mit hoher Bildung schnitten die hessische wie die niedersächsische CDU weit schlechter ab als bei denen mit mittlerer oder niedriger Formalbildung: Die hessische Union kam bei den Bürgern mit Abitur auf lediglich 31 Prozent der Stimmen; die CDU von Christian Wulff lag in diesem Segment unter 40 Prozent. Auch Ole von Beust verzeichnete die geringsten Sympathiewerte bei Hamburgern mit Hochschulreife; dort erhielt die CDU lediglich 37 Prozent, während sie in der Wählerschaft mit Hauptschulabschluss 48 Prozent verbuchen konnte.

          Beamte galten lange als staatstreu und konservativ und daher als Stammwähler der CDU. In dieser Berufsgruppe musste die hessische Union katastrophale Stimmenverluste hinnehmen. Nur 24 Prozent der Beamten gaben der konservativen Regierungspartei ihr Votum, 68 Prozent wählten Parteien links der Mitte.

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