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Russlanddeutsche in Bayern : Wählen? Ich wusste gar nicht, dass wir das dürfen

  • -Aktualisiert am

„Ihr dürft bei der Wahl nicht zu Hause sitzen” Bild: Tobias Schmitt

Bei der bayerischen Landtagswahl bewirbt sich zum ersten Mal ein Russlanddeutscher um ein Mandat - und kämpft nicht nur mit den gegnerischen Parteien. Arthur Bechert hat die CSU überzeugt, ihn zum Kandidaten für die Oberpfalz ins Rennen zu schicken - es war ein zäher Kampf.

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          Drei Dinge muss ein CSU-Mann im Landtagswahlkampf können: mit viel Bier eine stramme Wertedebatte führen, die heimische Wirtschaft preisen und auf „die Roten“ schimpfen. Arthur Bechert, Listenkandidat des Regierungsbezirkes Oberpfalz, beherrscht diesen Dreiklang. Beim Grillfest des „Gartenbauvereins Burgweinting“ verkündet er bei einer Mittags-Maß, dass „Bayern nicht umsonst einen Spitzenrang unter den Bundesländern einnimmt“; beim Treffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Cham fordert er, dass „sich die Gesellschaft wieder mehr auf deutsche Tugenden besinnen muss“, und in Regensburg warnt er vor „kommunistischen Politikansätzen“. „In Deutschland denken viele, dass die Russen einfach zu dumm gewesen sind, um diese Ideen von Marx und Engels richtig umzusetzen“, sagt er. „Diese Leute hören einfach weg, wenn ich sage: Kommunismus funktioniert nur über Leichen.“

          Er sagt oft diese Sätze, die ein wenig nach Kaltem Krieg klingen. Und er verstört damit Parteifreunde - und manchmal auch seine Frau. Die ermahnt ihn dann, dieses Gerede zu lassen, „das doch nur Unglück bringt“. Doch die Sätze platzen immer wieder aus ihm heraus. Danach ist er aber wieder der strahlende, zukunftsfrohe Mann, als den ihn seine Parteifreunde kennen. Dann kann er vergessen, dass er „kein Einheimischer“ ist. Dass er „ohne Heimat aufgewachsen“ ist, an einem Ort, der keinen Namen hat, nur eine Nummer: 33.

          In Deutschland interessiere sich keiner für ihre Geschichte

          Die „Sondersiedlung Nummer 33“ war Teil der sowjetischen „Glawnoje Uprawlenije Isprawitelno-trudovych Lagerej,“ der Hauptverwaltung der Besserungsarbeitslager, des GULag. Seine Eltern mussten dort bis zur Erschöpfung schuften, seine Verwandten kamen um, er und seine Brüder wurden als Faschisten beschimpft. Alles aus dem einen Grund: Sie waren Deutsche. Stalin hatte sie nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion in die entlegensten Winkel des Riesenreiches deportieren lassen und angeordnet, dass die wenigen, die die „rabota raba“, die Vernichtung durch Arbeit, überlebten, zwanzig Jahre lang ihre Verbannungsorte nicht verlassen durften. Auch war es ihnen verboten, Deutsch zu sprechen oder deutsche Bräuche zu pflegen.

          „Dr. Bechert hat keine Scheu, auf Menschen zuzugehen”

          „Das, was uns aufrecht gehalten hat, war der Traum, eines Tages heimzukehren“, sagt Arthur Bechert. Doch als er mit Frau und Sohn 1990 nach Deutschland ausreisen durfte, wurden sie „als Russen beschimpft, die dem deutschen Sozialsystem zur Last fallen“. Er hatte bereits eine Anstellung in der Industrie gehabt, musste aber dennoch sein Physikstudium und die Promotion wiederholen. Seine Frau, eine Lehrerin, musste sogar das Abitur nachmachen. Als man sie in einen Deutschkurs für Hausfrauen stecken wollte, buchte er auf eigene Rechnung einen Kurs am Goethe-Institut.

          Mit den beiden in Deutschland geborenen Söhnen sprachen sie kein Russisch mehr. Sie schickten sie zum Fußball, zum Klavierunterricht, zu den „Regensburger Domspatzen“. „Wir wollten, dass sie wie Einheimische aufwachsen. Und das ist uns auch gelungen: Wenn man sie fragt, woher sie stammen, antworten sie ohne Zögern: Regensburg“, sagt Arthur Bechert stolz. Aber, fügt er dann hinzu, in Deutschland interessiere sich keiner für ihre Geschichte. Und jetzt verwehrten sie es den Deutschen, die bis jetzt in Russland ausgeharrt hätten, nach Deutschland zu kommen. „Ausländer lässt man ins Land, aber die eigenen Leute müssen draußen bleiben!“

          Ein zäher Kampf

          Deswegen habe er sich entschlossen, für den Landtag zu kandidieren, als einer der ersten Russlanddeutschen in der Geschichte der Bundesrepublik. Dass er dabei für die CSU antrete, habe nicht allein mit der Politik Helmut Kohls zu tun, die es einst „unseren Leuten ermöglicht hat, nach Deutschland zu kommen“. Zunächst habe er sich gar keiner Partei zugehörig gefühlt, habe sogar bei der SPD angeklopft, um dort einen Vortrag über „die Geschichte unserer Volksgruppe“ zu halten. Aber die hätten ihn abgewiesen.

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