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Offener Brief von CDU-Politikern : Wir haben geschlafen

  • -Aktualisiert am

Mitunterzeichner Ole von Beust Bild: AP

Siebzehn Unionspolitiker üben per Brief Selbstkritik. Sie schreiben, ihre Partei habe jahrzehntelang nichts getan, um die Zuwanderung politisch zu begleiten. Der Brief verlangt eine Antwort. Das bürgerlichste aller Medien soll uns aus der Klemme helfen.

          Aus der unmittelbaren Nachbarschaft wehten Rauch und Whiskyschwaden herüber, in „Pooh's Corner“ ging es wieder hoch her, der große Harry Rowohlt war in die Schweiz gereist, um sich dort über die Migration von Wörtern und die Integration von Bedeutung in fremde, schwere Zungen auszulassen, und seine Schnurre berauschte den Leser vielleicht noch bei der Lektüre des Briefes der heute schon berühmten siebzehn Unionspolitiker im Feuilleton der „Zeit“. Es wird nicht lange dauern, bis man einen Weg findet, die Zahl nachzustellen: Man wird in der einen oder anderen Seite von den Brief-Siebzehn sprechen wie von den Göttinger Sieben, und es wäre schön, wenn in diesem neuen Namen irgendwie auch Pu der Bär vorkäme.

          Denn es ist schon whiskyselig seltsam, dass dieser kurze Text auch dann noch in den Schulbüchern stehen wird, wenn kaum noch jemand weiß, wer Roland Koch war. Allein die Anrede: „Sehr geehrte Bürger“. Hieß das nicht bis gestern selbst unter bestgesinnten Sozialarbeitern noch Mitbürger, was ja diesen eigenartigen bürokratischen Limbo abbilden sollte, in dem Nichtdeutsche zwischen Duldung, befristeter und unbefristeter Aufenthaltsgenehmigung, auf jeden Fall aber ohne Wahlrecht, leben? Man sagte Mitbürger und Bildungsinländer, vielleicht noch Anwohner und, wenn es ganz ernst wurde, Mitglieder der Community - und jetzt sagt die Union: Bürger.

          Nichts getan, um Zuwanderung politisch zu begleiten

          Überhaupt: Galt nicht bei Helmut Kohl noch das Prinzip, dass offene Briefe nicht beantwortet werden? Und wie geht das intern, nach dem guten deutschen Vereins- und Parteienrecht, all den Geschäftsordnungen und Satzungen, dass ein Brief „an die CDU und CSU“ so prompt beantwortet, aber nicht von den Vorsitzenden dieser Parteien unterzeichnet wird?

          Die Hastigkeit des Textes ist seine Stärke

          Egal, gerade die Hastigkeit dieses Textes ist seine Stärke. Anrührend ist die Selbstkritik: Siebzehn Unionspolitiker schreiben, ihre Partei habe jahrzehntelang, ob ideologisch motiviert oder aus reinem Desinteresse, nichts getan, um die Zuwanderung politisch zu begleiten. Wäre der „Stern“ noch der „Stern“, hätte das ein Cover mit Legendenpotential abgegeben: Ja, wir haben gepennt. Sicher, die Unionspolitiker, allen voran Ole von Beust, verfolgen eigene Interessen. Dennoch ist dieser Text aus der Ecke neben Pus Ecke ein Dokument des Innehaltens, er sagt: Huch, da ist ja noch jemand im Land. Er erklärt auch den Urdeutschen sachte, aber eindeutig, dass „wir“ nie mehr „unter uns“ sein werden, weil die Gastarbeiter nicht mehr zurückfahren. Und es kommen recht konkrete und maßvolle Vorschläge, wie man es sich hier gemeinsam einrichten könnte. Die sind alle im nationalen Interesse, aber auch das wird nur ganz, vielleicht allzu zaghaft angedeutet.

          „Migranten waren Objekte der Politik, nicht deren Träger“

          Wie bieder wirkt nun der ursprüngliche Brief der Deutschtürken an die Union mit seinem Appell für mehr Sensibilität und Sachlichkeit, in dem natürlich auch der „feige Beinahmord“ in der Münchner U-Bahn verurteilt wird, in der stillen Hoffnung, die Schläger würden sich über das Wörtchen feige besonders ärgern.

          „Migranten waren Objekte der Politik, nicht deren Träger.“ Sätze, die von Pierre Bourdieu stammen könnten, kommen heute aus der CDU. Dieser Schritt führt über dünnes Eis, umso johncleesehaft-zackiger wird er ausgeführt, so dass man bei der Lektüre natürlich auch laut auflachen muss: Haben Unionspolitiker wirklich jahrelang darauf gewartet, dass Otto Schily den Islam in Deutschland willkommen heißt? Wie hätte der Jubel von Beckstein und Stoiber im Wahlkampf 2002 wohl ausgesehen, wenn sich Schily und Fischer auf Fototerminen in Moscheen teetrinkend um das Wohlergehen der Muslime gesorgt hätten?

          Die Ecke neben Pus Ecke in der „Zeit“ ist mit diesem Text historisch geworden. Auf die Selbstkritik der Unionspolitiker könnte eine Selbstkritik muslimischer Funktionäre folgen, das wäre der moderne Weg. Natürlich ist diese Ecke nicht die Welt, nicht einmal der ganze Hundertmorgenwald, Außenpolitik kommt nicht vor, also auch nicht unsere Freunde, die arabischen Despoten, und nicht der Vormarsch des wohlfinanzierten Islamismus. Es muss noch viele Briefe geben. Sie sollten dem Beispiel der Siebzehn folgen: Jede Replik muss luzider, selbstkritischer, kurz schöner sein als das Anschreiben. So hilft uns das älteste und bürgerlichste aller Medien wieder einmal aus der Klemme.

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