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Koch und Ypsilanti im TV-Duell : Noch darf jeder ein Sieger sein

Es blieb ein Duell ohne Verletzte Bild: REUTERS

Premiere in Hessen: Das erste Mal haben sich Spitzenkandidaten der beiden Volksparteien ein Fernsehduell geliefert. Das Streitgespräch zwischen Roland Koch und Andrea Ypsilanti ging betont sachlich zu. Für die Partei-Generalsekretäre war natürlich klar: Unser Kandidat war besser.

          Nach dem Fernsehduell im hessischen Landtagswahlkampf zwischen Ministerpräsident Roland Koch (CDU) und SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti haben sich beide Parteien jeweils zum Sieger erklärt. Ypsilanti habe das Duell „klar für sich entschieden“, urteilte SPD-Generalsekretär Hubertus Heil am Sonntagabend in Berlin. „Sie ist sachlich, souverän, sie hat kompetent argumentiert, so wie man es von einer künftigen Ministerpräsidentin erwarten kann. Und sie hat die besseren Argumente.“

          Thomas Holl

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online.

          Fast wortgleich erklärte CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla in Berlin: „Ministerpräsident Roland Koch hat überzeugend mit Klarheit und Kompetenz gepunktet und das TV-Duell eindeutig für sich entschieden.“ Ypsilanti habe „erfolglos versucht, sich mit Unverbindlichkeit durchzuwinden“.

          Mit Rollenspielen vorbereitet

          Es war das erste Mal, dass sich in Hessen die Spitzenkandidaten der beiden Volksparteien ein Streitgespräch im Fernsehen lieferten. Fast sechzig Journalisten verfolgten im Saal nebenan das erst am Sonntagabend im Hessischen Rundfunk ausgestrahlte Duell zwischen Andrea Ypsilanti und Roland Koch in klassischer „Tatort“-Länge zwischen dem Ministerpräsidenten und seiner Herausforderin.

          Das Streitgespräch könnte wahlentscheidend sein

          Sie hatte Koch in jüngsten Meinungsumfragen bemerkenswert deutlich im Punkt Beliebtheit überholt, und damit für neue Spannung gesorgt. Nun wollte die SPD-Spitzenkandidatin auch im direkten Vergleich mit ihrem CDU-Konkurrenten einem Millionenpublikum beweisen, dass sie das Zeug zur ersten Ministerpräsidentin in Hessen hat.

          Roland Koch wollte nach den für ihn deprimierenden Umfragen der vergangenen Tage eine Woche vor der Wahl wieder in die Offensive kommen und den Amtsbonus eines nach neun Jahren Regierungszeit erfahrenen Landesvaters ausspielen. Mit Sparringspartnern, Rollenspielen und Videostudien hatte sich beide seit Tagen auf das Duell vorbereitet.

          Ypsilanti: „Clement spricht für die Atomlobby“

          Nicht vorausgeahnt hatten beide jedoch das Eingreifen des früheren Bundeswirtschaftsministers und einstigen stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Wolfgang Clement in den Landtagswahlkampf (siehe auch: SPD empört über den „bezahlten Lobbyisten“ Clement). Clement, der inzwischen im Aufsichtsrat des Energiekonzerns RWE Power sitzt, hatte mit Hinweis auf die Abkehr der hessischen SPD von Kernkraft und Kohle indirekt davor gewarnt, seine eigene Partei zu wählen.

          Anders als ihr Parteifreund Peter Struck in einer Wahlveranstaltung wenige Kilometer entfernt, versuchte die SPD-Kandidatin die unangenehme Frage mit Gelassenheit zu umschiffen: „Ich trage das mit Fassung. Es macht zwar nicht unbedingt Spaß, dass es Herr Clement ist.“ Aber mit der von ihr im Wahlkampf angekündigten Wende zu erneuerbaren Energien habe sich die SPD mit „einem starken Gegner, der Atomlobby angelegt, und Clement spricht für die Atomlobby“.

          Im Stil eines erfahrenen Wirtschaftspolitikers

          Koch nahm Clements dramatische Warnung erst gut eine halbe Stunde später beim Themenblock Energiepolitik dankbar auf. „Das Konzept der SPD bedeutet doppelt soviel CO2-Ausstoß wie bisher. Wir brauchen die bestehenden Atomkraftwerke und neue Kohlekraftwerke.“ Kochs Plädoyer für einen vernünftigen „Energiemix“, das er im Stil eines erfahrenen Wirtschaftspolitikers vortrug, konterte Frau Ypsilanti mit einer leidenschaftlichen Werbung für ein atomfreies Hessen: „Wind, Wasser, Sonne - das kostet nichts. Um diese Energiequellen zu nutzen, braucht es nur eine vernünftige Technologie. Da stecken 100.000 neue Arbeitsplätze drin“.

          Einen Lacherfolg bei Journalisten landete Frau Ypsilanti, als sie Kochs Spott über Ratschläge im SPD-Energieprogramm nach sparsamer Benutzung von Waschmaschinen, ein Wahlversprechen an alle Hausfrauen und Hausmänner entgegensetzte: „Ich verspreche allen Menschen, die mich wählen, dass sie ihre Waschmaschinen nicht abschalten müssen!“

          Koch ist nicht wiederzuerkennen

          Es war ein Streitgespräch, in dem beide Politiker nach der polarisierenden Wahlkampfschlacht der vergangenen Tage eine sachliche Auseinandersetzung suchten. Vor allem Koch, der bei CDU-Veranstaltungen in zugespitzter Form und überaus kämpferisch gegen „zu viele kriminelle Ausländer“ und den „Linksblock“ zu Felde zieht, war kaum wiederzuerkennen.

          Der Ministerpräsident gab sich betont staatsmännisch. Es schien, als wolle der CDU-Politiker mit allen Mitteln den Eindruck widerlegen, er sei ein politischer Raufbold, der mit einer Debatte über die Gewaltkriminalität junger Ausländer Ressentiments bediene. Zwar sprach Koch das Reizthema an, indem er auf 16 junge polizeibekannte Intensivtäter in Offenbach hinwies, von denen 15 einen „Migrationshintergrund“ hätten. Doch als er weiter ausführte, dass man über diese Tatsache sprechen müsse, wenn man über die Ursache bei der Schwierigkeit der Integration von Ausländern nachdenke, klang dies weniger hart als andere Beiträge Kochs aus den Tagen davor.

          Beflügelt von den guten Umfrageergebnissen

          Auffällig war die Angriffslust der Herausforderin. Offenbar beflügelt von den guten Umfrageergebnissen der SPD warf sie Koch immer wieder in ihrem sanften südhessischen Tonfall, aber in scharfen Sätzen Versagen vor - wie etwa in der Schulpolitik. „Ihre Bildungspolitik ist gescheitert.“ Die von Koch in Gang gesetzte Schulzeitverkürzung an den Gymnasien setze Kinder einem riesigen Druck aus: „Auch die Eltern sind verzweifelt.“

          Im Gegenzug setzte Koch die meist energisch lächelnde SPD-Frau unter Druck, als er ihr detailliert vorrechnete, dass ihre teuren Wahlversprechungen nicht seriös gegenfinanziert seien. Auch das letzte Wort gehörte Koch, der dieses Privileg per Losentscheid vor der Sendung zugesprochen bekommen hatte. Er nutzte es, um beim Thema Koalitionoptionen nach der Wahl abermals Zweifel an der Absage Frau Ypsilantis an ein Bündnis mit der Linkspartei zu säen: „Was Sie machen ist Ausweichen.“

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